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Fans – sozialwissenschaftliche Betrachtung

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Foto by Millerntoristen

Sozialwissenschaftliche Betrachtung des Phänomens Fans und Fußball von Prof. Dr. Klaus Hansen, Lehrstuhl für Sozialwissenschaften an der Hochschule Niederrhein, Krefeld vom 18.02.2007

„Vielen Dank – für nichts!“

Als Fan eines Vereins lebt es sich wie als verschmähter Liebhaber: Die heißesten Bemühungen prallen allzu oft an einer kalten Schulter ab. Der BVB-Fan und -Kolumnist Prof. Klaus Hansen analysiert diese asymmetrische Beziehung.

„Wir sind Dortmunder – und ihr nicht!“
(BVB-Fans beschimpfen ihre Mannschaft)

So reizvoll das Fußballspiel an sich auch sein mag, als Fußballfreunde identifizieren wir uns mit der Mannschaft, die es spielt, und nicht mit dem Spiel an sich. Das heißt, wir gehen mit unserem Verein durch dick und dünn, der aus unserer Stadt oder Region kommt und es bis ganz nach oben geschafft hat.

Bereits im empfänglichen Kindesalter sind wir an der Hand des Vaters zu unserem Club herangeführt worden. Auch als fortgeschrittene Semester schauen wir noch wie retardierte Elfjährige zu den Spielern auf und erlassen jedem Neuen, der bereit ist, unsere Farben zu tragen, die Probezeit, um ihn sofort ins Herz zu schließen. Unser Verehrungsbedürfnis und unsere Bereitschaft zum Vertrauensvorschuss sind ebenso immens wie unsere Einseitigkeit radikal ist. Zur distanzlosen Identifikation mit der eigenen Mannschaft gehört die fraglose Opposition zum Gegner. Mag der über den Dingen stehende neutrale Spielbeobachter wünschen, dass er „ein gutes Spiel“ zu sehen bekommt und „die bessere Mannschaft gewinnt“, so werden wir als selbstbewusst unter den Dingen stehende Fans immer und überall wünschen, dass unser Verein gewinnt, egal, wie unterirdisch er auftritt. Wir sind Partei. Im Stadion ist uns blutleere Objektivität fremd und ein bedauernswerter Ausdruck von Gefühlsarmut. Zur Objektivität sind wir die ganze Woche über angehalten, in unseren Berufen und Funktionen, damit verdienen wir unser Geld. Das Wochenende aber gehört der Partei. Gewinnen dann unsere Jungs tatsächlich, verlieren wir leicht den Boden unter den Füßen. Geht es andersherum aus, zweifeln wir für die nächsten acht Tage am Sinn des Lebens. Von diesen Zeiten lebt die Telefonseelsorge. Außerdem treten wir selber gegen die Kugel.

Unsere Identifikation mit dem Verein ist von monogamer Langlebigkeit. Das gilt nicht in gleicher Weise für unser Verhältnis zu den Spielern. So umstandslos wir jeden Neuen auch begrüßen, einige moralische Erwartungen sollten die Novizen schon erfüllen:
Je mehr die Spieler sich ihrerseits zum Verein bekennen und das auch im Spiel zeigen, indem sie selbst in aussichtsloser Lage noch bis zum Umfallen kämpfen, um so leichter fällt uns die Identifikation mit ihnen.

Je mehr Lokalbindung die Profis haben oder von sich aus entwickeln, um so leichter fällt es uns, sie als die Unsrigen anzunehmen. Zumal ihnen allein auf diesem Wege einige Spezifika des Spielbetriebs verständlich werden, die man Fremden und Durchreisenden nur schwer vermitteln kann, zum Beispiel die besondere Brisanz eines Lokalderbys zwischen St. Pauli und dem HSV, oder eines Regionalderbys zwischen Schalke und Dortmund, Hamborn und Oberhausen.

Je anfassbarer die Spieler sind, weil sie in unserem Viertel wohnen und man ihnen beim Einkaufen begegnet, statt sich unnahbar in die gated communities der Nobelbezirke zurückzuziehen, um so leichter ist es uns, sie anzusprechen und ein persönliches Wort von ihnen zu ergattern. Schließlich haben wir über die Jahre eine beachtliche Fußballkompetenz aufgebaut und fühlen uns jedem Fachgespräch gewachsen. Außerdem treten wir selber gegen die Kugel und wissen wie das ist, wenn der Ball seine eigenen Wege geht.

Je länger die Spieler im Verein sind und trotz besserer Angebote von außerhalb dem Club die Treue halten, um so leichter fällt es uns, Fehler und Schwächen zu verzeihen und in ihnen das bodenständige „Urgestein“ zu verehren.

Empathiearme Fremdenlegionäre

Aufopferung, Lokalität, Anfassbarkeit, Langjährigkeit, – das sind Identifikations-Ressourcen, die durch die Professionalisierung und Kommerzialisierung des Fußballs heute aggressiv angegriffen werden. Die Zusammensetzung der Teams wird immer globaler, die Zuneigung der Fans aber bleibt lokal.

Jede Saison elf neue Millionarios mit der Söldner-Mentalität von Fremdenlegionären ins Herz schließen zu sollen, das überfordert selbst den gutmütigsten Fußballfan. Immer kürzer wird darum seine Geduld mit den teuren Stars, immer rascher ist er dabei, seine Jungs bereits nach drei, vier verlorenen Spielen rüde zu beschimpfen: „Wir sind Dortmunder – und ihr nicht!“ „Scheißmillionäre!“ „Vielen Dank – für nichts!“ Hören es die Profis, wie sie es hören sollten, als Hilferufe? Wohl kaum. Die professionellen Fremdenlegionäre sind empathiearm. Ist der Abstieg dann nicht mehr zu vermeiden, tritt die Mannschaft mit einem großen, sponsorfinanzierten Transparent zum letzten Spiel an, das von allen elf Wanderarbeitern hochgehalten wird: „Ihr ward erstklassig. Wir nicht. Danke!“ – Und tschüss.

Gefunden im BVB-Forum

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