Fabulous Sankt Pauli

.. ist die einzige Möglichkeit

Licht und Schatten

Leider habe ich urlaubsbedingt das Spiel gegen Fortuna Düsseldorf verpasst, mittlerweile aber fast alles nachgelesen, Bilder gesehen, Berichte gehört – und „verpasst“ scheint es selten so gut zu treffen wie in diesem Fall. Die Fortunaten anscheinend tolle Gäste, die Stimmung grandios und alle waren anscheinend Naki an dem Tag. Ich wäre wirklich gern dabei gewesen.

Und wie dicht liegt Freude und Trauer zusammen. Im weit entfernten Dubai erfuhr ich vom tragischen Tod von Robert Enke und war fassungslos. Bin es eigentlich noch. Wie hoffnungslos verzweifelt muss ein Mensch sein, diese Art des Sterbens zu wählen. Überhaupt die Entscheidung zu treffen, dass das Leben keinen Sinn mehr hat.

Und wie furchtbar sinnlos es uns erscheint, die nicht mit dieser Krankheit kämpfen. Und schon gar nicht in einem Umfeld arbeiten, in denen einen Krankheit wie Depressionen oder auch das Bekenntnis, homosexuell zu sein, das Ende der Karriere bedeuten. Wir reden hier nicht von exotischen Befindlichkeiten, aber im Fußball sind sie das wohl. Sofort fiel mir Sebastian Deisler ein, der für sich einen anderen Weg aus der Krise gefunden hat, offensiv mit seiner Krankheit umgegangen ist und den Schritt aus dem Umfeld heraus gemacht hat, der vielleicht letztendlich für ihn auch lebensrettend war. Robert Enke hat das nicht geschafft.

Dass er bei seinen Fans beliebt war, glücklich verheiratet mit einer starken Frau an seiner Seite und gerade eine kleine Tochter adoptiert hat, hat die dunkle Seite in ihm nicht aufwiegen können. Die Tatsache, dass er -und das wohl zu Recht- geglaubt hat, mit einem „Outing“ seine Situation noch zu verschlimmern und es nicht geschafft hat, sich die Hilfe zu suchen, die er gebraucht hat, macht mich wütend. Wütend auf das Umfeld, das so ein Verhalten geradezu zwanghaft bedingt, wütend auf… wie nennt man das, wenn eine zerbrechliche Seele oder eine andere sexuelle Orientierung ein Zeichen für ein Weichei ist, das im Fußball nichts zu suchen hat? Was läuft da schief in diesem „Männersport“, der Menschen an den Rand der Verzweiflung und schlußendlich in den Tod treibt? Sind Sie mal ehrlich, würden SIE sich als schwul outen, wenn Sie Profifußballer wären? Auch wenn Sie beim FC Sankt Pauli spielen, der sich den Kampf gegen Homophobie ja aufs Banner geschrieben hat, müssten Sie auch auswärts. Stellen Sie sich das vor. Wie lange würden Sie das durchhalten? Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie immer den markigen, unverwüstlichen Ballkameraden geben müssten, auch wenn in Ihrem Innern diese Ängste toben, diese Zweifel? Und Sie können außer mit der engsten Familie mit niemandem darüber reden?

Es tut mir unendlich leid um Robert Enke, der ein sehr warmherziger und liebenswerter Mensch gewesen sein muss. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber alles, was man über ihn liest, entspricht dem Bild eines großherzigen jungen Mannes, der noch so viel Lebenszeit hätte haben müssen. Für sich, seine Familie. Jetzt packen alle aus seinem beruflichen Umfeld die Betroffenheitsschals aus. Aber wird das etwas ändern? Für die, die weiterhin „undercover“ versuchen müssen, zu überleben? Wird sich durch den sinnlosen Tod von Robert Enke etwas ändern? Ihm nachträglich ein Sinn verliehen durch ein gravierendes Umdenken? Ich würde es mir wünschen, aber ich glaube es nicht. Am übernächsten Wochenende werden also alle Bundesligavereine mit Trauerflor spielen, es wird Gedenkminuten geben, es wird noch viel über Robert Enke geschrieben werden in den nächsten Tagen. Und dann? Back to business as usual. Oder?

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11 Gedanken zu „Licht und Schatten

  1. unverlierbar sagte am :

    ich kann nicht mehr, ich muss mich jetzt auch outen. ich leide seit 2001 unter starken depressionen, panik-attacken und angstzuständen. dabei versuche ich immer, dass meine umwelt von diesen problemen ja nichts mitbekommt. ich habe einen psychiater und psychologen, die sich wöchentlich um mich kümmern, aber ich werde diese krankheit einfach nicht los. die folgen davon sind dann, die frau verlässt dich, die tochter will nichts mehr von mir wissen, der job ist auch weg und man findet sich dann in hartz IV (ich habe 30 jahre lang als krankenpfleger gearbeitet) wieder.
    ich muss jeden tag eine unzahl von medikamenten nehmen, die mir eigentlich schon die kraft für diesen einen tag nehmen. ich würde gerne noch weiter über mich und meine probleme schreiben, aber ich merke, dass die konzentration schon wieder scnwindet.
    ich kann nur sagen, ich kann robert enke verstehen, aber mein weg ist das (noch) nicht.
    das wird mich wohl jetzt alle „follower“ kosten …

    • Mich bestimmt nicht. Im Gegenteil, ich bin sehr berührt, dass Sie es mir erzählen, hier in meinem Blog.
      Ist dieses ständige Sich-Verstecken-Müssen nicht noch eine zusätzliche schwere Belastung? Meinen Sie, dass es für Sie leichter zu bewältigen wäre, wenn Sie nicht noch zusätzlich unter diesem Druck stünden?

      Und ich habe mit Sicherheit nicht mal den Schimmer einer Ahnung, durch was für eine Hölle Sie gehen.
      Die Schwester meiner Großmutter litt jahrelang unter Depressionen und hat sich mit Schlaftabletten das Leben genommen im Alter von 63 Jahren. Man kann es nicht verstehen, wenn man dort nie war. An dieser Schwelle der Entscheidung.

      Wenn ich könnte, würde ich Ihnen jetzt mindestens doppelt followen.

      • unverlierbar sagte am :

        ja, du spielst immer eine rolle, ich habe auch noch einen psychologische dienst der mich 2 mal wöchentlich betreut (die eine tolle arbeit machen), aber auch die versuche ich immer wieder zu täuschen (mir geht es gut, nein … im augenblick habe ich keine probleme, alles ist gut usw.).
        das geht dann aber immer nur begrentzt gut, dann kommen wieder diese ausraster von mir, wo ich mich immer wieder frage: „warum machst du nicht schluss, warum tust du dir das immer noch an.“
        noch habe ich keine lösung gefunden, aber ich arbeite dran.

        sorry für die offenheit.

        • Den letzten Satz habe ich aber jetzt überlesen! Hier gibt es absolut keinen Grund, sich zu entschuldigen. Im Gegenteil, ich bewundere Sie gerade dafür, DASS Sie jetzt und hier so offen darüber reden. Können. Und ich freue mich, dass Sie sich entschieden haben, hier und im Umgang mit mir KEINE Rolle zu spielen. Und wie fühlen Sie sich dabei? Ich bin zwar „nur“ virtuell, aber dennoch real. Und ich bin nicht schockiert und ich entfollowe Sie nicht -was übrigens merkwürdigerweise irgendwie in dem Zusammenhang ein gar nicht so unpassendes Wort ist-, im Gegenteil. Ich habe gerade mit einem guten Freund gesprochen und das Problem ist ja, dass man das mit „gesunden“ Augen besehen auch nicht verstehen kann. Körperliche Schmerzen kann man nachvollziehbar erklären, das versteht jeder, aber wenn die Seele leidet, das ist schwer zu erklären und schwer zu verstehen. Aber man darf es nicht totschweigen, nur weil man es nicht versteht.

    • sparschaeler sagte am :

      respekt für deine offenheit. du hättest jetzt einen follower mehr, wen ich nicht schon einer wäre😉

  2. Ich staune gerade über so viel Mut und so viel Offenheit.

    Wo kann man eigentlich Herrn unverlierbar followen?
    Respekt und Anerkennung.

  3. Nunja, auch ich bin nur eine kleine Kerze, die versucht Licht in den Raum zu bringen.
    Ich will doch auch mal meinen Beitrag leisten können. Jemanden sagen, daß er wichtig für uns ist.
    Und gerade das Beispiel von dieser Woche zeigt doch, daß man auch diese Seite öfter zeigen muß, damit gemerkt wird, daß man nicht alleine ist.

    Also wenn das denn alles überhaupt hilft.
    Mensch, man ist da aber auch so hilflos.

    • Und viele kleine Kerzen erhellen einen Raum auch ganz wunderbar. Das ist genau der richtige Ansatz. Dass Totschweigen tödlich ist, wurde uns ja wieder deutlich vor Augen geführt. Und selbst wenn es nur für einen winzigen Moment ein klitzekleinesbißchen hilft, wäre das ja immerhin schon mal was.

      Und da können Leute tausendmal sagen, das hier ist alles nur virtuell – es ist mehr als das. Auch hier kann jemand wichtig sein. Und das zu sagen, ist wichtig.

  4. St. Pokal sagte am :

    Und mal wieder muss ich in diesem Zusammenhang auf unseren genialen Verein und einen seiner Spieler aufmerksam machen, der es gewagt hat den Schritt zu tun, den sich Robert Enke nicht mehr zugetraut hat.

    Andreas Biermann you’ll never walk alone und vielen vielen Dank für die Offenheit, mit der du dieser Krankheit den Kampf ansagst und der Öffentlichkeit zeigst, dass auch ein Profisportler bereit ist diesen Weg zu gehen.
    Und vielen Dank dem FC St. Pauli, dass er diesen Weg in seiner üblichen beeindruckenden Weise begleitet.

    Forza!

    • Als ich bei twitter las „Fußballprofi geht an die Öffentlichkeit: Depressionen“ und dem Link folgte, war ich gleichermaßen erschrocken wie irgendwie nicht überrascht. Dass ein St. Pauli-Spieler, getragen von seinem Verein, an die Öffentlichkeit geht, passt irgendwie. Und wenn nicht jetzt, wann dann? Ich glaube, die Bereitschaft zur Akzeptanz war nie größer als im Moment, durch den Tod von Robert Enke. Der richtige Zeitpunkt für die richtige Entscheidung.
      Ich wünsche Andreas Biermann und seiner Familie viel Kraft, Mut hat er bereits bewiesen.

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