Fabulous Sankt Pauli

.. ist die einzige Möglichkeit

Bloggeraktion – ein Gastautor

fragt sich: Bin ich überhaupt St. Paulianer?

Im Rahmen des Bloggerprojekts „Wir sind St. Pauli! Nur – was sind wir?“ haben schon viele Blogger ganz wunderbare Beiträge geschrieben, man kommt mit dem Lesen und Nicken gar nicht mehr nach.

Aber auch andere regt das Projekt zum Nachdenken an, darunter auch Nichtblogger. Von so einem Nichtblogger, der mit der ganzen Bloggershyce (insider!😉 ) nichts am Hut hat, erreichte mich gestern per Mail ein Beitrag, der in den Kommentaren m. E. untergehen würde. Der Autor ist jemand, der noch nicht so eingesogen ist in den Verein, wie das viele der teilnehmenden Blogger sind. Befindet sich noch an der Peripherie, in der Werdung sozusagen und ich finde diese Schilderung sehr interessant. Manche in meiner Bezugsgruppe kennen ihn schon, manche kennen seine Frau @fleetmaus und ich kenne ihn, weil er ab und zu mal als Kartensitter einspringt, wenn ich verhindert bin. Hier also mein geschätzter Leser und Gastautor Ralf Wenzel auf die Frage des Bloggerprojekts und ein paar andere.

Warum bin ich Paulianer? Bin ich überhaupt einer? Mit dieser Frage sehe ich mich seit geraumer Zeit konfrontiert, weil ich Menschen kennengelernt habe, die wahre Fans sind und das schon seit vielen Jahren. Die haben zu Regionalligazeiten Dauertickets gekauft und sitzen jetzt sowas von geil, dass man neidisch wird. Aber diese Menschen haben diesen Platz nicht gemietet, weil sie sich davon einen Gewinn versprachen, sondern weil sie in JEDER Liga diesen Platz intensiv beansprucht haben.

Nein, ich bin kein Paulianer, nicht so einer.

Wenn man sich so unter den Fans umguckt, stellt man fest, dass das ganz normale Menschen sind. Die einen haben mehr, die anderen weniger, wie halt überall in der Gesellschaft. Ich muss mich schon wundern, wenn Führungskräfte, die sonst Anzug tragen, im Stadion auf einmal singen „Wir schlafen unter Brücken oder in der Bahnhofsmission“, ganz besonders wenn sie dann noch CDU-Wähler sind (von wegen „Zecken“). Ich stehe politisch ziemlich weit links und finde mich als Bürger sehr unbequem, aber:

Nein, ich bin kein Paulianer. Nicht so einer.

Paulianer sind nicht nur arm, sondern auch Anhänger eines armen Vereins – oder sollten wir sagen, der sich arm darstellt? Verdient nicht der FC St. Pauli einen Haufen Geld damit, seinen Ruf zu verkaufen, der nicht mehr als ein solcher ist? Geht es dem FC St. Pauli nicht bereits so wie der Reeperbahn seit geraumer Zeit? In meinen Augen ist der FC einer der am besten gemanagten Vereine in Deutschland. Das ist durchaus ein Kompliment.

Aber so ein Paulianer bin ich auch nicht.

Was bin ich sonst?

Ich bin jemand, der ergriffen ist von Menschen, die in diesem Verein ihre Erfüllung finden, die sich in der Regionalliga den Arsch abfrieren, während im Volkspark Bayern München zu Gast ist (und natürlich gewinnt *lol*).

Ich bin jemand, der fasziniert ist, wie sehr sich ein Fußballspiel um den Fußball drehen kann. Wie wenig man ein Stadion zupflastern kann mit Werbung. Weil es ein Fußballstadion ist in das man geht, weil dort Fußball gespielt wird.

Ich bin jemand, der toll findet, nach einem nervenzerreißenden Spiel nicht „Scheiß HSV“ gesungen wird, weil er seinen Kindern erklärt hat, dass man sich über seinen Sieg freuen kann, ohne eimerweise Hohn über den Verlierer zu kippen. Manche tun es leider doch.

Ich bin jemand, der Underdogs klasse findet – und spielerisch ist der FC wohl einer, wenn man das vergleicht mit dem, was andere Mannschaften so auflaufen lassen.

Ich bin jemand, der toll findet, dass der Trainer nicht aussieht, als wenn sein zweiter Vorname „Armani“ oder „Litfass“ wäre, sondern der in seinem alten, ausgewaschenen Totenkopf-Pulli Interviews in der Sportschau gibt.

Ich bin jemand, der tief daran glaubt, dass Stani mit absteigen würde, wenn es nochmal runter geht und nicht zu einem Erstligisten wechselt; leider spielt oder trainiert man heute nicht mehr aus Überzeugung, sondern aus Leidenschaft. Beim FC hat man noch das Gefühl, dass das anders ist. Wie so vieles anders ist.

Ich finde toll, dass die Basis laut schimpfen kann und die Vereinsspitze einlenkt, weil sie weiß, dass sie genau GAR nichts ist ohne eine starke Basis – spätestens wenn der FC wieder mal in der Regionalliga spielt, wovor uns der Herrgott, an den ich nicht glaube, behüten möge.

Und schließlich: Ich finde toll, wie die Menschen dort miteinander umgehen. Jemand hat meinen Bierbecher umgestoßen. Ich kam gar nicht dazu, zu sagen „der stand da auch echt dämlich, ist ok“, weil dieser Mensch penetrant nicht davon abzubringen war, mir ein neues zu kaufen. Lauter fröhliche, tolerante Menschen ohne Ellbogen. Das ist echt wie Urlaub.

Ich bin nicht sicher, ob ich mir Regionalligaspiele so leidenschaftlich ansehen würde wie Erstligaspiele. Ich bin da ehrlich, wie in anderen Dingen auch. Und wenn der FC sich in den o. g. (für mich wesentlichen Dingen) ändert, wahrscheinlich erst recht nicht.

Ich bin kein Paulianer. Ich bin auch kein überzeugter St. Pauli-Fan. Als Lokalpatriot drücke ich sogar dem HSV die Daumen – wenn er nicht gerade gegen St. Pauli spielt😉

Warum ich doch jede Möglichkeit wahrnehme, am Millerntor dabei zu sein? Weil der FC so ist wie er ist, weil seine Fans so sind wie sie sind und ich mich darüber freuen kann. Mehr als einmal bin ich (schlecht gelaunt ins Stadion kommend) mitgerissen worden von diesen leidenschaftlichen Menschen, die zusammen ihre Mannschaft anfeuern. Und ja, ich muss zugeben, sie wird jedes verdammte mal ein bisschen mehr auch zu meiner Mannschaft…

Wo – außer am Millerntor – kann man noch sagen „Ich geh zum Fußball“???

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7 Gedanken zu „Bloggeraktion – ein Gastautor

  1. Toller Beitrag! Danke!

  2. Sehr schön in Worte gefaßt. Gerade durch den Hauch von „außenstehend“ (so ganz ja wirklich nicht mehr) interessant. Eine der weiteren Bereicherungen dieser Aktion.

    Natürlich geht es, jedenfalls aus meiner Sicht, beim FCSP noch um viel mehr als nur der beschriebene Fußball – aber eben nicht um die Ablenkung durch Kommerz, wobei man vor lauter Werbung das Spiel übersehen könnte. Gegenbeispiel gibt es ja zu Genüge.

    Nicht nur der Fußball steht bei uns im Mittelpunkt, sondern vor allem auch das menschliche Miteinander. Hier sind wir letztlich bei der Politik. In vielfältigsten Facetten. Aber das nur am Rande als ergänzende Erwähnung, weil ja nicht alles thematisiert zu werden braucht, wenn man einen Text verfaßt.

  3. Pingback: Richtungsweisend – die Fanszene oder die Vereinsführung des FC St. Pauli? « KleinerTods FC St. Pauli Blog

  4. Sehr schöner Beitrag. Danke für die „Außenperspektive“, die ja gar keine ist. Auch so jemand „ist“ St. Pauli. Mehr, als er vielleicht selber wahrnimmt.🙂

  5. Maren. sagte am :

    Als Nicht-Blogger schreibe ich einfach auch mal einen Kommentar. Der muss aber nicht gleich so groß an die Glocke gehängt werden… wird sicherlich auch nicht so gut. Außerdem können sie ja nicht jeden Kommentar zum Gastblogger machen😉

    Irgendwie bin ich jetzt auch animiert, zu schreiben, warum mein Herz in die Braun-weiß Farbe rutscht. Rutscht, weil ich auch noch ein Frischling bin. Bin ich „Erfolgsfan“, weil ich erst seit der Aufstiegssaison dabei bin? Ich könnte es nicht mit Tatsachen widerlegen, bin ich doch mit dem FC noch nicht durch die Regionalliga gegangen. Mein Herz sagt klar nein, du bist nicht nur Erfolgsfan. Der FC St. Pauli lässt dich nicht mehr los… einfach so vom Gefühl her.

    Aber warum der FC St. Pauli? Als ich anfing, mich für die Bundesliga zu interessieren, dachte ich zuerst, es wäre Werder Bremen. Im Endeffekt aber nur, weil ich den einen oder anderen Spieler ganz gut fand. Und ich war ja noch nicht einmal in Bremen gewesen…
    Das Hamburger Schanzenviertel und St. Pauli hingegen war ja quasi meine zweite Heimat in meiner Fußballuninteressierten Jugend. Mit der Hamburger Gegend habe ich mich schon immer irgendwie identifiziert. Es ist der Teil von Hamburg, der wie ich sagen würde ‚Charakter hat‘. Ein Charakter, den auch der FC St. Pauli hat.

    Stadionbesuche sind ist wegen meines Auslandsaufenthaltes in Leipzig😉 leider sehr rar. Aber die zwei, die ich hatte, waren großartig, auch wenn beide Spiele mit 0:1 verloren gingen. Es war dann auch mehr das menschliche drum herum, dass so gut war. Beim ersten Mal zog ich nach dem Spiel mit meinen unbekannten SItznachbarn und dessen Anhang noch Stundenlang um die Häuser.

    Ich mag das bodenständige und ich mag es, underdog zu sein, weil es so viel schöner ist, den snobbischen Stadtrivalen zu schlagen, als einen Weltpokal zu gewinnen. Ich mag einfach den FC St. Pauli.🙂

  6. TantePolly sagte am :

    Einfach schön und wahr.🙂

  7. Pingback: Die leidenschaftlichsten Wahlhamburger unter der Sonne….. - Fleetfunk

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