Fabulous Sankt Pauli

.. ist die einzige Möglichkeit

Kann mal jemand für mich tanzen, ich freu mich grad so oder: Alle Jahre wieder Pyro

Die Geschichte der Pyrotechnik in deutschen Fussballstadien ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Und heute habe ich begriffen, dass ich auch einem kompletten Irrtum erlegen bin. Was das mit den Emotionen angeht.
Die Inititative „Pyro legalisieren-Emotionen respektieren“ hatte ja Gespräche mit dem DFB, die letztlich an einem Gutachten gescheitert sind. Sagte der DFB. Davon abgesehen, dass ich es für eine der größten Dummheiten gehalten habe, diesen „Dialog“ überhaupt erst zu beginnen und zu signalisieren, man könne ja vielleicht unter Umständen und eventuell, wenn gewisse Voraussetzungen … das ist wie einem Esel eine Möhre an einer Angel vors Gesicht zu halten und wenn der Esel seinen Job gemacht hat, die Möhre selber essen. Man kann davon ausgehen, dass der Esel das nächste Mal bockt. Esel sind nicht so dumm.

Nun hat die Initiative „Pyro legalisieren-Emotionen respektieren“ das wahre Gutachten in seiner vollen Tragweite zu Gesicht bekommen und da heisst es doch tatsächlich so:

Demnach bestätige das Gutachten des Bonner Rechtsanwaltes Volker Löhr, dass der Einsatz von Pyrotechnik unter bestimmten Bedingungen möglich sei. Diese wären: ein Antrag des jeweiligen Vereins, die Zustimmung des Stadionbetreibers sowie der Ordnungs- und Sicherheitsbehörden, ausgewiesene Zonen für Pyrotechnik, namentlich bekannte Personen für den Umgang mit Pyrotechnik und geeignete bzw. geprüfte Art der Pyrotechnik.

Quelle: 11Freunde.de

Pyro wäre also rein theoretisch doch möglich. Hat ja so keiner gewusst, dass es auch legale Möglichkeiten gibt, Pyro abzubrennen. Ich hatte halt gedacht, dass das irgendwie mit dem Ausleben von Emotionen zu tun hat, dem Namen der Kampagne nach und war der Auffassung, dass kontrollierte Pyro in etwa so spontan ist wie der halbjährige Kontrollbesuch beim Zahnarzt. Emotionen gehören doch zum Spielgeschehen -hab ich gedacht- also entweder Freude wegen eines Tors oder Hass wegen eines Tors oder Hass auf den Gästeblock oder einfach, weil eine rote Rauchwolke so supertoll aussieht. Aber doch nicht in eine abgegrenzte Zone mit einem zertifizierten Feuerwerker oder einem Beauftragten zu einem festgelegten Zeitpunkt! Dachte ich. Und ich dachte auch, dass kann ja nicht im Sinne der Blockzündler sein, wenn jemand anders für sie feiert. Tja. Anscheinend hab ich mich getäuscht. Es geht um Fremdemotionen. Quasi ein Emotionsaugust pro Kurve, der irgendwann was zündet -vor dem Spiel, in der Halbzeitpause oder nach dem Spiel- und alle so yeaaah.

Ich bin ein bisschen enttäuscht, da fehlt mir total der abgefeierte revolutionäre Charakter, der Spaß am Verbotenen, der Nervenkitzel des Einschmuggelns, das P*****fechten mit anderen Kurven, weil das ja dann doch irgendwie so ein feuerwerkstechnischer Einheitsbrei ist. Und mal ehrlich, wenn es nicht gerade das Feuerwerk im Hamburger Hafen ist, flacht so ein kleines geplantes Pyrointermezzo an einer Stelle im Stadion doch etwas ab.😦

Aber das scheinen sie zu wollen. Das sind aber nicht die, die sich wie ich drauf gefreut haben, dass man endlich vogelwild fackeln kann und irgendwann die Fan-Pyroshows so eine Art Mittelkreiswerbeveranstaltung sind, halt nur im Block. Das reicht vielleicht den spießbürgerlichern Pyro-Langweilern, die der Kampagne Wort verleihen, aber doch nicht den jugendlichen Fackelfreunden und ihrem Drang nach hemmungslosem Emotionsabbau.

Ich bin wirklich ein bisschen enttäuscht. Und ein bisschen überrascht. Die Initiatoren glauben das ja irgendwie tatsächlich, dass eine Erlaubnis zu wie im Gutachten geschilderten Pyroaktionen ein kollektiv zufriedenes Abnicken in den einschlägigen Kreisen hervorruft. Dass die, die sich Bengalos in die Calvins stecken, einem anderen dabei zusehen, wie er IHRE Emotionen abfeiert? Wir können das an dieser Stelle gerne mal üben: bitte freuen Sie sich JETZT! Und fragen Sie nicht warum, es ist 13:02 und wann Sie sich zu freuen haben, sage ich!

Meine Meinung zu Pyro (also im Ernst jetzt) ist lange bekannt, mir fehlt nach wie vor der Nachweis, dass eine Mehrheit im Stadion Pyrotechnik wünscht oder auch nur akzeptieren würde, diesen nachvollziehbaren Beleg sind sie Initiatoren ja schuldig geblieben. Es ist und bleibt ein Begehr einer überschaubaren Gruppe, ich wage mich mal zu behaupten, dass die Mehrheit im Stadion entweder auf Pyro auch verzichten kann (die neutrale Gruppe, deren Lebensglück nicht von pyrotechnischen Erzeugnissen abhängt und die Gruppe, die es im Stadion für zu gefährlich hält und -heute neu- auf eine inszenierte Veranstaltung im Hinblick auf emotionslosen Vortrag sowieso keinen Wert legen würde)

Am Ende würden dann vielleicht sogar Sponsoren den Gefallen an diesn Halbzeitpausen-Events finden. „Diese Pyroshow wird Ihnen präsentiert von der xyz-Bank“. Wäre das nicht toll? Pyro akzeptieren -Eventisierung tolerieren.

Wie auch immer, dass da keine Missverständnisse -von denen es bei dem Thema genug gibt- entstehen: die Aktion vom DFB war dumm, unüberlegt und kurzsichtig. Man sollte sich nicht verhandlungsbereit zeigen, wenn man es im Grunde nicht ist. Eine klare Ansage „ist und bleibt verboten“ wäre immerhin eine klare Ansage gewesen. Und wie es der eine Kommentator bei 11Freunde so schön sagt: die Konsequenzen, wenn es trotzdem passiert, hätte man dann halt aushalten müssen. Geldstrafen, Platzsperren, Geisterspiele, Gästefanverbot, vereinsinterne Sanktionen, Gerichtsverfahren, persönliche Geldstrafen, personalisierte Eintrittskarten, Körperscanner, Sprengstoffhunde, Leibesvisitationen. Aber man hätte gewusst, woran man ist. Andererseits: wusste man das nicht schon vorher? Dass die Wahrscheinlichkeit doch überproportional hoch ist, dass der DFB bei diesem portokassefüllenden Thema eine Diskussionsbereitschaft nur signalisiert?

Wahrscheinlich bin ich einfach zu wenig naiv, um dieser Kampagne jemals ene echte Chance eingeräumt zu haben. Letztlich könnte ich mich ja jetzt freuen, weil es es so läuft, wie mir das am liebsten ist. Ich verschiebe den diesbezüglichen Konfettiwurf auf 15.30 Uhr. Ich hoffe, die Freudenansetzung ist Ihnen genehm. Wenn nicht, machts auch nix, ich bestimme, wann, wie und wo sich gefreut wird.

In diesem Sinne…

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5 Gedanken zu „Kann mal jemand für mich tanzen, ich freu mich grad so oder: Alle Jahre wieder Pyro

  1. „Ich hoffe, die Freudenansetzung ist Ihnen genehm. “🙂
    Großartiger Satz!

  2. Ursprünglich dachte ich ja, hier kommentiert jetzt auch jemand für mich. Aber klappt nicht. Hm.😉

    Ist ja schon alles zu gesagt, oder?

  3. Piet sagte am :

    Am Ende würden dann vielleicht sogar Sponsoren den Gefallen an diesn Halbzeitpausen-Events finden. „Diese Pyroshow wird Ihnen präsentiert von der xyz-Bank“. Wäre das nicht toll? Pyro akzeptieren -Eventisierung tolerieren.

    Passiert doch schon. Also die Vermarktung. Gucken Sie vorm Spiel mal auf die Anzeigetafel, oder im Sky-Vorspann, etc.: Pyro-Szenen wird („Spannung, Abenteuer: Das Anarchische“) zur Vermarktung von Fußball benutzt wie kaum sonst etwas in den Fan-Rängen. Deswegen wundere ich mich ja auch so, wenn ausgerechnet unsere fcsp-Ultràs sich für Pyro-K*cke gerade machen. Für mich ein Widerspruch in sich. Außer: Eine Legalisierung wird wegen des wichtigen „legal“-Status‘ nur als erster Schritt betrachtet. Massenkompatibles Ultrà-Zeugs halt — Individualität, Spontanität, Emotionen?

    «Bitte freuen Sie sich JETZT!»

    Ja genau.

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