Fabulous Sankt Pauli

.. ist die einzige Möglichkeit

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Bloggeraktion – ein Gastautor

fragt sich: Bin ich überhaupt St. Paulianer?

Im Rahmen des Bloggerprojekts „Wir sind St. Pauli! Nur – was sind wir?“ haben schon viele Blogger ganz wunderbare Beiträge geschrieben, man kommt mit dem Lesen und Nicken gar nicht mehr nach.

Aber auch andere regt das Projekt zum Nachdenken an, darunter auch Nichtblogger. Von so einem Nichtblogger, der mit der ganzen Bloggershyce (insider! 😉 ) nichts am Hut hat, erreichte mich gestern per Mail ein Beitrag, der in den Kommentaren m. E. untergehen würde. Der Autor ist jemand, der noch nicht so eingesogen ist in den Verein, wie das viele der teilnehmenden Blogger sind. Befindet sich noch an der Peripherie, in der Werdung sozusagen und ich finde diese Schilderung sehr interessant. Manche in meiner Bezugsgruppe kennen ihn schon, manche kennen seine Frau @fleetmaus und ich kenne ihn, weil er ab und zu mal als Kartensitter einspringt, wenn ich verhindert bin. Hier also mein geschätzter Leser und Gastautor Ralf Wenzel auf die Frage des Bloggerprojekts und ein paar andere.

Warum bin ich Paulianer? Bin ich überhaupt einer? Mit dieser Frage sehe ich mich seit geraumer Zeit konfrontiert, weil ich Menschen kennengelernt habe, die wahre Fans sind und das schon seit vielen Jahren. Die haben zu Regionalligazeiten Dauertickets gekauft und sitzen jetzt sowas von geil, dass man neidisch wird. Aber diese Menschen haben diesen Platz nicht gemietet, weil sie sich davon einen Gewinn versprachen, sondern weil sie in JEDER Liga diesen Platz intensiv beansprucht haben.

Nein, ich bin kein Paulianer, nicht so einer.

Wenn man sich so unter den Fans umguckt, stellt man fest, dass das ganz normale Menschen sind. Die einen haben mehr, die anderen weniger, wie halt überall in der Gesellschaft. Ich muss mich schon wundern, wenn Führungskräfte, die sonst Anzug tragen, im Stadion auf einmal singen „Wir schlafen unter Brücken oder in der Bahnhofsmission“, ganz besonders wenn sie dann noch CDU-Wähler sind (von wegen „Zecken“). Ich stehe politisch ziemlich weit links und finde mich als Bürger sehr unbequem, aber:

Nein, ich bin kein Paulianer. Nicht so einer.

Paulianer sind nicht nur arm, sondern auch Anhänger eines armen Vereins – oder sollten wir sagen, der sich arm darstellt? Verdient nicht der FC St. Pauli einen Haufen Geld damit, seinen Ruf zu verkaufen, der nicht mehr als ein solcher ist? Geht es dem FC St. Pauli nicht bereits so wie der Reeperbahn seit geraumer Zeit? In meinen Augen ist der FC einer der am besten gemanagten Vereine in Deutschland. Das ist durchaus ein Kompliment.

Aber so ein Paulianer bin ich auch nicht.

Was bin ich sonst?

Ich bin jemand, der ergriffen ist von Menschen, die in diesem Verein ihre Erfüllung finden, die sich in der Regionalliga den Arsch abfrieren, während im Volkspark Bayern München zu Gast ist (und natürlich gewinnt *lol*).

Ich bin jemand, der fasziniert ist, wie sehr sich ein Fußballspiel um den Fußball drehen kann. Wie wenig man ein Stadion zupflastern kann mit Werbung. Weil es ein Fußballstadion ist in das man geht, weil dort Fußball gespielt wird.

Ich bin jemand, der toll findet, nach einem nervenzerreißenden Spiel nicht „Scheiß HSV“ gesungen wird, weil er seinen Kindern erklärt hat, dass man sich über seinen Sieg freuen kann, ohne eimerweise Hohn über den Verlierer zu kippen. Manche tun es leider doch.

Ich bin jemand, der Underdogs klasse findet – und spielerisch ist der FC wohl einer, wenn man das vergleicht mit dem, was andere Mannschaften so auflaufen lassen.

Ich bin jemand, der toll findet, dass der Trainer nicht aussieht, als wenn sein zweiter Vorname „Armani“ oder „Litfass“ wäre, sondern der in seinem alten, ausgewaschenen Totenkopf-Pulli Interviews in der Sportschau gibt.

Ich bin jemand, der tief daran glaubt, dass Stani mit absteigen würde, wenn es nochmal runter geht und nicht zu einem Erstligisten wechselt; leider spielt oder trainiert man heute nicht mehr aus Überzeugung, sondern aus Leidenschaft. Beim FC hat man noch das Gefühl, dass das anders ist. Wie so vieles anders ist.

Ich finde toll, dass die Basis laut schimpfen kann und die Vereinsspitze einlenkt, weil sie weiß, dass sie genau GAR nichts ist ohne eine starke Basis – spätestens wenn der FC wieder mal in der Regionalliga spielt, wovor uns der Herrgott, an den ich nicht glaube, behüten möge.

Und schließlich: Ich finde toll, wie die Menschen dort miteinander umgehen. Jemand hat meinen Bierbecher umgestoßen. Ich kam gar nicht dazu, zu sagen „der stand da auch echt dämlich, ist ok“, weil dieser Mensch penetrant nicht davon abzubringen war, mir ein neues zu kaufen. Lauter fröhliche, tolerante Menschen ohne Ellbogen. Das ist echt wie Urlaub.

Ich bin nicht sicher, ob ich mir Regionalligaspiele so leidenschaftlich ansehen würde wie Erstligaspiele. Ich bin da ehrlich, wie in anderen Dingen auch. Und wenn der FC sich in den o. g. (für mich wesentlichen Dingen) ändert, wahrscheinlich erst recht nicht.

Ich bin kein Paulianer. Ich bin auch kein überzeugter St. Pauli-Fan. Als Lokalpatriot drücke ich sogar dem HSV die Daumen – wenn er nicht gerade gegen St. Pauli spielt 😉

Warum ich doch jede Möglichkeit wahrnehme, am Millerntor dabei zu sein? Weil der FC so ist wie er ist, weil seine Fans so sind wie sie sind und ich mich darüber freuen kann. Mehr als einmal bin ich (schlecht gelaunt ins Stadion kommend) mitgerissen worden von diesen leidenschaftlichen Menschen, die zusammen ihre Mannschaft anfeuern. Und ja, ich muss zugeben, sie wird jedes verdammte mal ein bisschen mehr auch zu meiner Mannschaft…

Wo – außer am Millerntor – kann man noch sagen „Ich geh zum Fußball“???

Vor dem Derby aus HSV-Sicht: „Als Fan muss man leiden“

Vor etwas über einem Jahr entdeckte ich ein HSV-Blog. Ja, ich lese auch beim Stadtrivalen. Die Texte fand ich sehr gut geschrieben, sehr sachlich, auch kritisch, ohne die so oft zu lesende Realitätsferne. Gefiel mir ausnehmend gut. Dann las ich auf der „Über mich“ Seite: der Autor Erik Griephan war zu dieser Zeit gerade mal 16 Jahre alt. Neben einem Kommentar zu einem aktuellen Artikel sprach ich dem Blogbetreiber auch ein Kompliment für sein Blog aus und so kamen wir in Mailkontakt, in dessen weiterem Verlauf wir des Öfteren Meinungen austauschten. In den Farben getrennt, aber in vielen Ansichten vereint. Ich finde es nach wie vor erstaunlich, dass einem so jungen Mann gelingt, woran viele ältere, (lebens)erfahrene Vereinsblogger scheitern: eine schnörkellose und dennoch sehr emotionale Betrachtung des Vereins seines Herzens.

Letzte Woche, nach den Vorfällen rund ums verlegte Derby, fragte ich ihn, wie man als HSV-Fan eigentlich gerade im Moment damit zurecht kommt, dass weder im Verein, noch in der Mannschaft, noch bei den Fans irgendetwas rund läuft und man seinen eigenen Ansprüchen in keiner Weise mehr gerecht zu werden scheint. Eigentlich wollten wir daraus eine Art virtuellen Dialog machen, aber der HSV-Fan und -Blogger hat einen für meine Begriffe derart kompakten Text geschrieben, dass eine Diskussion überflüssig geworden ist. Von diesen Fans bräuchte der Verein an der Müllverbrennungsanlage mehr und ich finde es schade, dass man ihm die Raute nicht aus dem Herzen reißen und ihm stattdessen BraunWeiß einpflanzen kann, aber so ist das eben mit dem Verein des Herzens, through good and bad. Und es ist ein Beweis dafür, dass sich auch Fans des Stadtteilvereins und des Vorortclubs haßfrei und sachlich auseinandersetzen können.

Man muss den HSV zu solchen Fans beglückwünschen und wenn man davon ausgeht, dass das der „Nachwuchs“ ist, wünsche ich mir mehr davon. Die sich äußern, die sich positionieren und ihrem Verein damit wirklich einen Dienst erweisen. Der HSV hat bei mir durch Herrn Griephan und seine persönliche Auseinandersetzung mit seinem Verein sehr gewonnen. Aber lesen Sie selbst.

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Erinnert sich jemand an das Zitat von Friedrich Nietzsche?

„Die Grenzen der menschlichen Vernunft begreifen – das ist erst wahrhaft Philosophie.“

Das würde ich gerne aufgreifen wie auch erweitern, denn viele Vorfälle der letzten Zeit haben mich zum Nachdenken gebracht, oder dorthin gedrängt, wie auch immer man das interpretieren möchte.

Ich bin, um das mal vorweg zu nehmen, 17 Jahre alt und seit gut 5 Jahren Anhänger des HSV. Sicherlich war ich mit damals 12 Jahren kein glühender Unterstützer, aber das entwickelte sich -verständlicherweise- im Laufe der Zeit. Was früher die Berichterstattung im Fernsehen war, sollte irgendwann der Stadionbesuch werden. Meine allererste Partie war ein Heimspiel gegen Dortmund. Links die Nordtribüne, rechts der Dortmundblock, schöne Stimmung, aber durchschnittliches Spiel – egal, dieses Setting nahm mich endgültig gefangen.

Nun bin ich eher kein Vertreter der regelmäßigen Stadiongänger (was mir aufgrund von Schule, regionaler Entfernung und eines Geldlimits auch nicht möglich wäre), doch versuche ich so oft wie möglich die Spiele live zu verfolgen. Gerne im Stadion, aber nicht zwangsläufig. Vielleicht fragt sich manch einer, weshalb ich kein Fan von Hansa Rostock geworden bin, trotz ebenfalls vorhandener regionaler Nähe. Nun, diese Frage ist nicht so deutlich zu beantworten, ich vermute, dass die Sympathie für die Stadt Hamburg, die Attraktivität des Bundesligavereins HSV inklusive eines für mich sehr hübschen Stadions ihr Übriges taten. Jene Verbindung entwickelte sich derart intensiv, dass ich dann im letzten Jahr begann, mich mittels eines Blogs mit dem HSV auseinanderzusetzen.

Hierfür sind doch nochmal einige Informationen aus meinem Leben nötig, denn ich stamme aus einfachen Verhältnissen, wohne im östlichen Teil Deutschlands, meine Eltern sind im Staatsdienst und befinde mich momentan in den Endzügen meines Abiturs. Meine Interessensfächer? Deutsch, Geschichte und Sozialkunde. Häufiger teilten mir Außenstehende mit, dass sie gerne meine Schreibe lesen. Das war der Grund, weshalb ich mich letztlich an einen Blog wagte. Geschaffen auf der Basis der kostenlosen wordpress-Plattform machte ich mich ans Werk, schrieb meine Meinung nieder, zu den Spielen, zu Ereignissen und Personalien.

Mittlerweile habe ich langsam die Schnauze voll. Als Fan muss man leiden, keine Frage. Doch in letzter Zeit beschleicht mich das Gefühl, dass die HSV-Fans besonders erprobt sein müssen. Jeder Mensch besitzt Vernunft, jedoch in unterschiedlichem Maße. Schon Thomas von Aquin verwies auf die Lenkung des Willens durch die Vernunft, doch jedes Individuum muss sich mit seinen eigenen Grenzen im Bereich der Vernunft beschäftigen. Dieser Verein ist meine Leidenschaft, doch trotz dieser emotionalen Verbundenheit weist mir meine Vernunft Grenzen auf und stimmt mich nachdenklich – die Intention für diesen Absatz liefere ich etwas später. Man möge mir verzeihen, dass ich aufgrund meiner Jugendlichkeit nur einen sehr begrenzten zeitgeschichtlichen Rahmen des HSV überblicken kann. Lassen Sie es mich so eingrenzen – seit der Demissionierung von Dietmar Beiersdorfer versuche ich wirklich jedwede Ereignisse mitzubekommen. Seit dem Vorfall schlucke ich auch jeden weiteren Vorfall. Der HSV ist ein idealer Nährboden für große Erwartungshaltungen, Medienstorys und ein gefundenes Stelldichein für die Beletage der sozialen Schichtung. Selbstredend ist diese Zusammensetzung nicht dominierend, aber prägend. Das würde mich alles nicht stören, wenn es nicht wieder und wieder Vorfälle gäbe, die das Image des HSV unwiderruflich schädigen.

Für einen Menschen, der mit Leib und Seele mitfiebert, sind die jüngsten Entwicklungen beziehungsweise Stagnationen ungemein niederschmetternd. Jahr für Jahr sieht man sich mit einer Hamburger Mannschaft konfrontiert, die für hohe Kosten und große Namen steht, aber wenig Zählbares liefert. Die jüngsten Geschehnisse rund um Labbadia, Moinz, Siegenthaler, Kühne, Petric, Sammer, „Faxim“-Moting und nun van Nistelrooy nagen am Glauben wie der Hungernde am Tuch. Ich bin beileibe kein Erfolgsfan, doch die zurzeit aktiv demonstrierte Antriebslosigkeit manches Spielers ist einfach nur widerlich. Wo sind die Grenzen? Wie viel ist noch ertragbar? Ich weiß es nicht, ich kann es nicht seriös beantworten. Wahrscheinlich, weil die Liebe zum Verein nach wie vor über jeder einzelnen Person steht.

Doch auch diese Liebe hat Grenzen, womit wir beim zuvor schon angesprochenen Thema Vernunft wären. All jene Idioten, die wirklich meinen sich zusammenrotten zu müssen, um dann „aufm Kiez paar Klatschen verteilen“ umzusetzen, kann ich nur verabscheuen und mittlerweile auch nicht mehr als Minderheit wegstempeln. Egal drei Personen oder 400, der dem Verein zugefügte Schaden ist irreparabel. Indem wir sie nur als kleine, eigentlich nicht beachtenswerte Gruppe kategorisieren, schaffen wir Spielraum, Toleranz und Legitimitation ohne es zu beabsichtigen. In einem Punkt bin ich besonders ratlos – weshalb diese sogenannten „Hools“ ihre Aggressionen so exzessiv ausleben müssen. Auf welcher Basis bauen sie ihren Hass auf? Neid auf den Nachbarverein scheidet meiner Meinung nach aus. Ist es ein bloßes Politikum, die vermutliche Abneigung gegenüber des als eventuell links erachteten FC Sankt Pauli? Die lokale Besonderheit ist da vielleicht ein entscheidender Faktor, da beide Vereine in Hamburg verortet sind und im Prinzip jeder Verein „seine Stadtteile“ besitzt, in denen Fans vom anderen Verein weniger gern gesehen sind, um es mal galant zu formulieren. Wenn Sie als Leser mir einen plausiblen Grund nennen können, warum gewaltbereite Menschen, die sich dem HSV zuordnen, zu einer Fankneipe des FC Sankt Pauli ziehen, um dort Krawall zu veranstalten, wäre ich sehr dankbar. Obwohl, dieser Einwurf ist denke ich berechtigt, gibt es nur in den seltensten Fällen einen vernünftigen Anlass für Gewalt. Aber gut, anscheinend liegt die Gewichtung des Anlasses in den Augen des Betrachters..

Ich verstehe auch den Antrieb mancher Menschen nicht. Da ist die Derbyabsage verkündet und in der Onlinewelt fliegen die ersten Spitzen. Mitunter amüsant, andere wiederum weit unter der Gürtellinie. Ich möchte an dieser Stelle die weitestgehende Anonymität im Internet grüßen.. Müssen wir in dieser Welt von Stolz und Vorurteilen leben? Hat sich hier wirklich der angeblich schnöselige HSV-Fan mit dem scheinbar assi-esken Sankt Pauli-Sympathisanten herumzuschlagen? Ich glaube nicht. Nichts gegen Ehrgeiz, Ehrgefühl oder Abneigung – trotzdem existiert für vieles im Leben eine Grenze. Schafft es wirklich Befriedigung, diese dauernd zu überschreiten? Ist die Gewalt oder Diskriminierung ein stummer Schrei nach Liebe, wie es schon von der bekannten Band „Die Ärzte“ vermutet wurde?

Wir als Fans vom Hamburger Sportverein müssen uns auch nicht mehr wundern, wenn ein Ereignis wie nicht zu erwartender (intensiver) Regenfall das Derby platzen lässt und uns trotzdem dafür die Schuld gegeben wird. Wir, und ich betone nochmal dieses gemeinschaftliche Wort, sollten dort einmal in Klausur gehen, reflektieren und überdenken, weshalb die Reaktionen derartige Gestalt annehmen. Unser Image ist in der Öffentlichkeit gründlich versaut. Die Nation glaubt, dass an der Führungsspitze ein vermeintlicher Absolutist herumturnt, umgeben von Praktikanten und einem Haufen von Speichelleckern sowie ein Trainer, der krampfhaft versucht Emotionen aus seinem starr festgeschriebenen Vertrag zu gewinnen, mit einer „toten“ Mannschaft und einem Haufen radikaler, schnöseliger Fans. Internas sind einfach nur das Codewort für interne Pressemitteilungen an die Öffentlichkeit und die Sportdirektorsuche ein Nebencasting von DSDS, beziehungsweise die ZDF-Außenwette in Form von „Bauernverein sucht Deppen“.

Es passt einfach nur in das Gesamtbild unseres Vereins, dass sich zu all den Peinlichkeiten oder sonstigen Ereignissen auch immer wieder die Berichte von Gewalt seitens unserer Fans, so man sie denn als Fans bezeichnen will, dazugesellen.

Das ist kein Abgesang, sondern eine bittere Feststellung des Ist-Zustandes. Man, und ich verlasse damit das Wir, man kann das so fixieren, darauf beharren. Man kann dieses Image weiter bestreiten oder ablehnen. Man kann aber auch etwas dafür tun. Wie das gehen soll? Nachdenken. Den vernunftbegabten Verstand benutzen. Warum auf jede Provokation anspringen? Sich hinter der Behauptung zurückziehen, dass seien ja nur einige Wenige, anstatt sich Vereinsidentifikation projizierend hinzustellen, und zu sagen: „Traurig, dass derartige Menschen von sich behaupten, mit unserem Verein irgendeine Verbindung zu haben.“

Übrigens – Vergleiche á la die Sankt Paulianer hätten ja auch etc. sollten wir uns sparen. Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Oder Worten. So lange es auch nur einen kleinen Personenkreis gibt, der meint Anhänger des HSV zu sein, aber Gewaltdelikte produziert, werde ich mich hüten, Parallelen mit anderen Verein zu ziehen.

Bei der Nachbetrachtung Actio und Reactio zu untersuchen, ist sowohl richtig, als auch konstruktiv. Doch der Ton macht die Musik, denn wer gleich wieder provoziert, liefert sofort die nächste Grundlage für eine Reactio. Und zum Abschluss halte ich es mit John le Carré (Pseudonym für David John Moore Cornwell): „Provozieren heißt, die Leute denken zu lassen.“ Womit wir nochmals auf das zentrale Thema stoßen – der (Un-)Fähigkeit mancher Menschen zu denken, mit Provokationen angemessen umzugehen. Jede Provokation hat multiple Beweggründe. Doch auch ein jeder Rezipient hat multiple Wahrnehmungen.

Ich hätte übrigens lieber -und da mag ich Romantiker sein- einen vorerst limitierten, unerfahrenen aber für sein Geld ackernden Stürmer aus der Jugend beziehungsweise generell ein Talent, als einen alternden Weltstar wie van Nistelrooy, der auf einmal vom Saulus zum Paulus wird, sein fürstliches Salär irgendwo vergesssen hat und europaweit den HSV lächerlich macht, indem er ihm in Interviews die Hosen auszieht. Auch wenn van Nistelrooy jetzt ein revidierendes Gespräch mit dem HSV geführt hat – ein bitterer Beigeschmack bleibt, denn der HSV ist doch trotz allem beileibe kein Dorfverein. Logisch, dass ein derartiges -wahrscheinlich vom „Pressemann“ Jörn Wolf lanciertes- Interview die Gemüter besänftigen soll. Doch der Blick hinter die Kulissen und somit auf die ungeschönte Wahrheit bleibt verwehrt und damit auch ein gewisser Vorbehalt.

Einfach mal über diese neuerliche Mediengeschichte nachdenken. Just diese Sachen komplettieren nämlich unsere verzerrte Reputation, die einen mittlerweile fast schon dazu zwingt, sich rechtzufertigen, warum man den HSV anfeuert. Ich denke, dass ein solcher Zustand doch sehr bedauerlich ist..

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Preview 11.12.2010 FC Bayern München vs. FC Sankt Pauli

Habeo einen Gastautoren!

Nachdem das hier mit dem Blogvertreter des FC Kölle schon sehr viel Spaß gemacht hat, freue ich mich sehr, dass ich als Gastautoren für das bevorstehende Spiel gegen den FC Hollywood den von mir gern gelesenen Herrn probek gewinnen konnte. Unsere Blogbekanntschaft begann als Geschichte voller Mißverständnisse und mittlerweile kann ich einigen der hier aufgeführten Attribute in der Selbstbeschreibung meines Gastautoren nicht mehr uneingeschränkt zustimmen 😉

Sein Fußballsachverstand war indes auch von mir immer unbestritten und so danke ich recht herzlich für den folgenden Gastautorenbeitrag:

Titties and Beer

Ich fühle mich geehrt. Und schreibe mal was, was ich sonst eher selten schreibe (ich schreibe aktuell eh schon recht wenig in meinem Blog, aber sowas sonst schon mal gar nicht mehr): eine Vorschau auf ein Fußballspiel. Oder zumindest was ähnliches. Im konkreten Fall auf das Gastspiel des FC St. Pauli bei meinem Verein, FC Bayern München, am Samstag, 11. Dezember 2010. Geehrt fühle ich mich, weil ich das hier machen darf, als mehr als Ortsfremder, trotz norddeutscher Wurzeln. Und weil das bei meiner Vorgeschichte mit der Hausherrin wirklich nicht selbstverständlich ist (s.o.).

Ein Geständnis gleich mal vorweg: so richtig gut vorbereitet bin ich auf das Gastspiel der Hamburger in München nicht. Gut vorbereitet im Sinne der intensiven Beschäftigung mit dem Gegner, der Kenntnis dessen Stärken und Schwächen, dessen aktueller Form, der Namen und Anzahl der Spieler, die man fürchten müsste etc. etc. etc.

Entschuldigung. Hoffe, da sind mir Louis van Gaal und seine Angestellten ein bisschen voraus. Bin bei meiner Mannschaft zwar immer recht guter Dinge, aber man weiß ja nie. Zuletzt ging da einiges schief, rein ergebnismäßig. Immerhin: etwas besser bezahlt werden die Bayernkicker jedenfalls schon dafür, dass sie sich dieses Wissen anschaffen sollten. Sage ich mal, ohne die genaueren Zahlen zu kennen, aber voller Hoffnung, und ohne damit andeuten zu wollen, dass letzteres jetzt schon nötig wäre.

Die mangelnde Vorbereitung meinerseits hat aber auch banalere Gründe: mir ist die Beschäftigung mit meinem Verein anstrengend genug. Allein heute: da erfährt man, dass offenbar der Wechsel eines Ur-Nichtbayern zu den Bayern fix ist. Und dass wir damit ein Problem lösen, dass wir wohl nicht als dringendstes hatten. Und dass wir ein Problem lösen helfen, dass wir sicher auch nicht hatten: den Gegner zu sanieren. Egal. Lass uns nicht von den Bayern und deren Problemen reden. Oder davon, was die überhaupt für problematisch halten. Will ja nicht neurotisch klingen.

Ich könnte auch flunkern und die Hörbuch-CD, die sich seit ein paar Tagen in meinem Autoradio dreht, zur Vorrecherchearbeit für das Spiel hochstilisieren. Aber irgendwie kommt der Harburger Heinz Strunk wohl eher selten in Sankt Pauli vorbei. Bis jetzt, bis zur dritten CD, hat er sich jedenfalls eher auf dem Land rund um Hamburg rumgetrieben, als in Fußballstadien, geschweige denn am Millerntor. So genießt der Mann zwar meine größte Sympathie, allein schon wegen des mir sehr sympathischen Schnacks, hilft aber irgendwie auch nicht weiter. Und jetzt?

Ach, ich schreibe ich einfach mal auf, was mir sonst noch einfällt. Spontan, kann nur gut werden, völlig vorurteilsfrei von der Leber weg.

Ein Kult Kult Kult Kult Kult Kult Kultverein ist also am Samstag zu Gast in München. ÜberKult, Kult³. Gut, damit hätten wir zumindest das hinter uns. Fast.

Im Ernst: der heutige Gastverein der Bayern ist so kultig, dass allein schon die Nennung dieses Wortes, ich schreibs noch mal, also allein die Nennung des Begriffs „Kult“ inzwischen angeblich auch und sogar bei Gelegenheitsfans des Vereins leichte Übelkeit auslösen soll. Wegen Überreizung. Kult. Hehe. Dabei finde ich bestimmte Aspekte des Vereinslebens der Sankt Paulianer durchaus besonders.

Dass dort z.B. die Dauerkarten des Vereins von den Vereinsfans, oder zumindest einer Teilmenge der Fans, in Selbstverwaltung herausgegeben werden oder wurden. Undenkbar für meinen Verein.

Oder die Pausenunterhaltung in den Millerntor-Logen. Undenkbar, für meinen Verein. Jedenfalls an Spieltagen, nach meiner Einschätzung. Es regt sich jetzt manches bei euch deswegen, vor allem Auf- und Widerstand, aber: ich finde, sowas passt doch zu Sankt Pauli. Gut, es geht in einem Fußballstadion dann manchmal und angeblich auch noch ein bisschen um Fußball, nur: so weit ist die Reeperbahn nun auch nicht entfernt. Gabs da nicht mal einen Kondom-Hersteller als Sponsor? Wenn schon lokales Sponsoring, dann bitte auch richtig und konsequent zu Ende gedacht. Gibt schlimmere Schicksale: hier wandern öfters Blaskapellen durchs Stadion. Blechbläserkapellen.

Aber auch das alles hat, wie angedeutet, mit dem eigentlichen Spielgeschehen eher wenig zu tun. Vielleicht sollte ich mich hier einfach mal mit dem beschäftigen, was wirklich wichtig ist: dem Ausgang des Spiels bzw. einer Prognose zum Thema. Ich sag mal: 3:0 für Bayern. Was sonst?

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Und bei Herrn probek durfte ich auch. Hier.

24.10.2010 VfB Stuttgart vs. FC Sankt Pauli 2:0

Schön, wenn man hocherhobenen Hauptes von einem Auswärtsspiel nach Hause fahren kann. Noch schöner ist das allerdings mit drei Punkten. Wenn man gute Chancen aber liegenlässt, ist es eben in der 93. Minute zu spät.

Ich war leider verhindert und musste meine Karte zur Adoption freigeben. Und fand Herrn Fischblog, einen mir schon länger ans Herz gewachsenen Exil-Hamburger, der jetzt seine berufliche Existenz in Heidelberg fristet, nahezu völlig braunweißlos, und dringend eine Auffrischungsdosis St. Pauli brauchte. Herr Fischblog ist mein absoluter Lieblingswissenschaftler, der anders als meine Lehrer in der Schule komplexe Zusammenhänge so erklären kann, dass selbst ich sie ansatzweise verstehe. Wäre Herr Fischblog mein Lehrer gewesen, wäre vielleicht was aus mir geworden. Ich empfehle Ihnen wärmstens sein Wissensblog, außer der fachlichen Kompetenz hat er auch eine tolle Schreibe. Merken Sie es? Ich bin begeistert. 😉

Mein persönlicher Kandidat für einen der kommenden Chemie-Nobelpreise also war der Hüter meiner Karte und da Wucherpreise bei uns ja üblich sind, kostete ihn das einen noch zu liefernden Mojito und einen Spielbericht. Und hier ist er nun, der

Spielbericht

Es ist ja schon was anderes, in der Bundesliga zu einem Auswärtsspiel zu fahren. Mein letztes war noch in der zweiten Liga, gegen Oberhausen. Eine Würstchenbude, ein Bierstand und ein Stadion von der Sorte, die man vor ungefähr ein paar Jahrzehnten als Kampfbahn bezeichnete. Das Ding in Stuttgart jedenfalls ist dann doch eine andere Dimension, auch wenn derzeit ein Viertel der Tribünen fehlt. Vierzigtausend Zuschauer waren drin, alle Plätze besetzt.

Ich hatte mich am akut abrissgefährdeten Stuttgarter Hauptbahnhof mit @diepauliane getroffen, erstmal ein Bier gezischt und den mit allerlei unterhaltsamen Protestplakaten behängten
Bauzaun vor dem Nordflügel besichtigt.


Nicht nur im Fußball keine Macht: Gleisneid am Stuttgarter Hauptbahnhof

Was machen die Stuttgarter eigentlich, wenn der unter Denkmalschutz gestellt wird? Der Bauzaun, meine ich.

Es wäre übertrieben zu behaupten, dass Stuttgart braun-weiß war, aber für unseren S-Bahn-Wagen hats gereicht. Wir haben uns auf dem Weg zum Gästeblock noch ein wenig verlaufen (und aus Rücksicht auf die Hausherrin wage ich nicht zu schreiben, auf welche Ideen mich die Polizeipferde am Straßenrand gebracht haben), bevor wir noch @Lutzmax von den Netzpiraten aufgegabelt haben und uns in den Gästeblock verfrachtet haben.

Mit der Stimmung hatten wir diesmal Glück, wir waren höchstens ein paar Meter vom harten Kern der braun-weißen Goldkehlchen entfernt

und haben dementsprechend von den ca. 35000 Stuttgartern kaum etwas gehört. Das war gut. Nicht ganz so gut ist natürlich das Ergebnis, auch wenn wir uns vorher gegenseitig versichert haben, dass Sankt Pauli gar nicht gewinnen kann – es gibt bestimmt irgendwo ein Naturgesetz, das uns daran hindert, am Ende des Spieltages auf einem Champions-League-Platz zu landen. Ein Unentschieden wäre trotzdem schön gewesen. Tröstlich zumindest, dass die Stuttgarter auch nach diesem Sieg noch die weitaus größeren Sorgen haben. Das war wirklich keine Leistung, mit der man es in internationale Wettbewerbe schafft. Wir dagegen können auch ohne die drei Punkte die Gewissheit mitnehmen: So spielt kein Absteiger.

Die erste Halbzeit hat für den magischen FC ganz erbaulich angefangen, mit ein paar schönen Kombinationen über die Flügel und einer wirklich guten Chance für Asamoah. Stuttgart hatte in den ersten zwanzig Minuten keine einzige Chance, und das hätte uns – wir kennen ja unseren FC St. Pauli – eigentlich schon misstrauisch machen müssen. Jedenfalls ist dann auch, als wir uns gerade ein bisschen eingehüpft hatten und zu dem Schluss gekommen waren, dass der vierte Auswärtssieg in Folge durchaus im Bereich des Möglichen lag, das erste Tor gefallen – für die Stuttgarter.

Das war im Grunde wieder so ein Ding wie die beiden Gegentore im letzten Spiel. Bei den Ecken müssen unsere Helden jedenfalls noch mal ans Reißbrett, auch wenn ansonsten nicht viel angebrannt ist. Die Stuttgarter hatten fast direkt nach dem Tor gleich noch einen Fernschuss aufzubieten, aber danach nicht mehr viel. Der Schwung des Anfangs war bei Sankt Pauli trotzdem erstmal raus, abgesehen von Einzelaktionen wie einem zur Ecke abgelenkten Schuss von Lehmann, glaube ich. Zambrano hat danach einen richtig schönen Fernschuss an die Latte gehauen und Stuttgart noch eine Ecke geschossen, die diesmal zum Glück gut ausgegangen ist, aber das war’s dann auch aus der ersten Halbzeit: Sankt Pauli insgesamt deutlich besser und mit Torchancen, trotzdem im Rückstand.

Das hat mich zu dem Zeitpunkt noch nicht allzu sehr beunruhigt, schließlich war unser FC besser und man kann ja nicht zwei Halbzeiten am Stück Pech haben. Kann man allerdings wohl, wie sich noch zeigen sollte. In der Halbzeitpause bin ich jedenfalls erstmal am Bier gescheitert.

Man hat ja immer drei Versuche. Beim ersten haben @Lutzmax und ich uns an die Schlange angestellt, an der es gar kein Bier gab, dann habe ich mich an einen mobilen Verkäufer mit einem –inzwischen leeren– Fass auf dem Rücken herangepirscht, und als wir endlich an der richtigen Schlange anstanden, hatten die Fans schon wieder angefangen zu singen. Wie sagte der Herr Lutz so schön: „Fußball ist wichtiger.“

Die zweite Halbzeit ging dann weiter, wie große Teile der ersten: Stuttgart weitgehend passiv, Sankt Pauli mit mehr oder weniger erfolgreichem Spiel nach vorne. Die beste Chance des Spiels hatte Kruse in der 54. Minute, als er nach einem Querpass von Ebbers plötzlich ganz, ganz, ganz allein aufs Stuttgarter Tor zulaufen konnte und offenbar leider nicht so recht wusste, was er mit dem Ball machen sollte. Er hat sich dann noch rechtzeitig entschieden, ihn am Torwart vorbei ins Tor zu schlenzen, aber da hat sich dann ein Stuttgarter Feldspieler dazwischen geworfen.

Das war’s im Grunde auch. Die Paulianer haben zwar auch die zweite Halbzeit dominiert, aber einerseits haben die Stuttgarter sehr abgeklärt verteidigt und zum anderen können Feldüberlegenheit und auch das Pech bei den Torchancen nicht über das Grundproblem dieses Spiels hinwegtäuschen: So gut die Boys in Brown kombiniert haben – es war eigentlich immer ein Schlenker zu viel, ein Fehlpass zu viel. Meistens war irgendwo vor dem Strafraum Schluss.

Und wenn man Nulleins hinten liegt, die fünfundsiebzigste Minute auch so langsam vorbei ist
und dringend ein Tor her muss, wenn dann der Gegner noch eine Mannschaft mit internationaler Erfahrung ist, dann läuft man auch in Konter der klassischen Sorte. Das ist dann ziemlich folgerichtig, auch wenn Thorandt den Schützen nicht hindern konnte, weil er nach einer unsanften Begegnung mit Cacau ein paar Meter entfernt am Boden lag.

Wir haben von unserer Mannschaft ja schon mal drei Tore in sieben Minuten gesehen, aber irgendwie war eigentlich allen klar, dass das Ding nach dem 2:0 in der 80. Minute gelaufen war, und so war es dann auch. Gefeiert haben wir unser Team nach dem Abpfiff trotzdem, obwohl den Spielern sichtlich nicht nach Feiern zumute war. Dazu war die Niederlage zu unglücklich.

Vielen Dank für die Berichterstattung, Herr Fischer, ich komme ja gerade zu nichts, da hat das perfekt gepasst 😉

Der Jahrhundertelf-Spieler und „sein“ FC Sankt Pauli

Zum 100. Geburtstag des FC Sankt Pauli führte der Sponsor „Alice“ eine Umfrage durch: wer gehört in die Jahrhundertelf. Elf Tage konnte abgestimmt werden, 51.403 St. Pauli-Fans beteiligten sich und das war das Ergebnis. Und nun gehen Sie mal mit dem Blick von Herrn Thomforde aus nach links und in der zweiten Reihe sehen Sie den heutigen Gastautoren.
(
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Michél „Jimmy“ Mazingu-Sinda-Dinzey

Der 1972 in Berlin geborene ehemalige Herthaner und St. Paulianer by heart wird von vielen für einen der besten Stürmer gehalten, die wir je hatten, für andere ist er eine schillernde Figur der Vereinsgeschichte, aber für alle ist er ein St. Paulianer.
Und so wurde er mit eindeutigem Votum (meinem übrigens auch) in die Jahrhundertelf gewählt und die Porträtfotos wurden hochhaushoch am Millerntor aufgestellt, charmanterweise zum Spiel gegen Hansa Rostock. Von meinem ehemaligen Platz auf der Süd aus sehr gut zu sehen.

Aber @frozen_mazingu, wie er sich im letzten bitterkalten Winter bei twitter nannte, in Anlehnung an ein ganz bestimmtes Fußballspiel, ist nicht nur ein Fußballer, sondern auch ein sehr liebenswerter, humorvoller Mensch.

Michel Mazingu-Dinzey spielte erstmals in der Bundesligasaison 1996 für St. Pauli und kehrte dann 2004 für drei Spielzeiten nach Hamburg zurück. 2007 steuerte er 5 Tore zum Aufstieg in die zweite Bundesliga bei.

Ich hatte ihn schon vor einiger Zeit gefragt, ob er Lust hätte, hier als Gastautor zu schreiben und ich freue mich sehr, dass er es gemacht hat. Jetzt also Michél Mazingu-Dinzey aka Schneeleopard über seine Zeit beim Magischen FC und dies und das.

Meine Saison 1995 – 1996:
Als Nobody bin ich vom VfB Stuttgart zum FC St. Pauli ausgeliehen worden und wusste nicht, was mich erwartet. Das, was ich dann erlebt habe in diesem nur einem Jahr, ist nie von mir vergessen worden. Eine junge Mannschaft, gespickt von Nobodys wie mir, mischen in der 1. Bundesliga die Liga auf. Nach den ersten Spielen oben in der Tabelle zu stehen, war für uns eine Riesensache. Als Aufsteiger eine ordentliche Rolle gespielt zu haben, war der Lohn der harten Arbeit der gesamten Mannschaft und über den Verbleib in der 1.Bundesliga waren wir alle sehr glücklich. Des Weiteren war dieses Jahr für mich das Jahr, in dem ich Nationalspieler wurde für die Demokratische Republik Kongo (früher Zaire).

Uli Maslo:
Er holte mich zum FC St. Pauli und hat mit uns ein System gespielt, mit dem andere Mannschaften große Mühe hatten. Er hat nichts ausgelassen, um mit uns zu arbeiten und war ein Mann der alten Fußballschule. Er wurde immer belächelt, aber er hat im Aufstiegsjahr sehr gute Arbeit mit der Mannschaft geleistet.

Bundesliga:
Das eine Jahr mit St. Pauli in der Bundesliga war ein sehr schönes Jahr, leider sind wir im DFB–Pokal schon in der 1. Runde ausgeschieden, aber die volle Konzentration lag nur darin, den Verbleib in der Liga zu schaffen. Bis kurz vor Schluss der Saison war es nicht klar, aber den einen Punkt, um nicht abzusteigen, haben wir am vorletzten Spieltag geholt. Dementsprechend war der Andrang auf dem Flughafen bei unserer Ankunft riesengroß.

Meine Saison 2003 – 2007:
Ich bin wieder zurück und darf hier beim „meinem“ Verein meine Karriere beenden. Das Ziel für mich persönlich stand fest: ich will mit dem FC St. Pauli in die 2. Liga aufsteigen. Dem Verein ging es wirtschaftlich nicht gut, aber trotzdem wollte ich St. Pauli mithelfen, wieder besser dazustehen, mit weniger Problemen und Sorgen. Trotz Krankheit, Formkrisen und nicht mehr für tauglich gehalten werden, kann ich schon sagen, es ist mir eine Ehre, ein Teil der St. Pauli-Familie sein zu dürfen. Darauf bin ich sehr stolz und im Herzen wird sich niemals mehr etwas dran ändern. Später komme ich dann zu den einzelnen Ereignissen der Jahre, aber es ist uns geglückt, 2007 den Aufstieg perfekt zu machen und ich hatte mein Ziel erreicht.

Andreas Bergmann:
Er hat mir die Chance gegeben, meinen Traum, für den FC St. Pauli noch einmal spielen zu können, zu verwirklichen. Ihm bin ich auch sehr dankbar, auch wenn er es nicht immer einfach mit mir hatte 😉
Ein sehr guter Mensch, sachlich und fachlich auf sehr hohem Niveau, einer, der 100% für den Fußball lebt und sich gerade macht. Nur eben schade, dass er dann nicht den Erfolg miterleben durfte, zumindest den Aufstieg nicht.

DFB-Pokal 2006:
Der DFB–Pokal war mit der Höhepunkt in meiner Karriere. Was unsere Mannschaft geleistet hat, war einfach genial. Soviel Leidenschaft innerhalb der Truppe habe ich noch nie erlebt.
Wir sind dort erst richtig gewachsen und man kann auch niemanden hervorheben, alle haben für den Verein ihren letzten Tropfen Blut gegeben und das hat man ganz klar auch gesehen.
Für mich persönlich war es ein geiles Gefühl, entscheidende Tore zu schießen und der Mannschaft, den überragenden Fans, aber vor allem dem FC St. Pauli das zurückgegeben, was sie in mich gesteckt haben, nämlich VERTRAUEN. Ohne diese Hilfe hätte das niemals geklappt.

VfL Bochum:
Wir legten los gegen den 2. Liga-Verein wie die Feuerwehr. Der VfL Bochum, Tabellen-Erster, null Gegentore und wir schlagen sie 4:0. Ich durfte endlich auch im DFB–Pokal ran, nachdem ich nicht mal nominiert war in Burghausen, zu diesem Zeitpunkt war da noch eine Menge Frust in mir. Trotz verschossenem Elfmeter (es sollte ja nicht der einzige bleiben in dieser Saison), ist es mir gelungen, ein Tor zu schießen. Was aber die Mannschaft an diesem Tag für eine Arbeit geleistet hat, war aller Ehren wert gewesen. Das ist St. Pauli und wir sind der Arbeiterverein.

Hertha BSC Berlin:
Ein ganz besonderes Spiel für mich, als Berliner Junge, als Ex–Herthaner, als Mitverantwortlicher für den Aufstieg 1996 -1997 und Nicht-Abstieg 1997 – 1998, mehr Motivation konnte es nicht geben, muss ich hier wohl nicht noch sagen. Das Spiel ist für immer gebrandmarkt. Ein packendes Spiel, Verlängerung und viele Tore, Fußballherz was willst du eigentlich mehr?
Und mir gelingt wieder ein Tor gegen meinen Ex–Verein, ich war sehr, sehr glücklich gewesen darüber. 4:3 haben wir gewonnen und die Glücklichkeit war ungebremst. Die Fans waren völlig aus dem Häuschen und lagen nach dem Spiel fix und fertig fast quer auf den Tribünen vor Freude. Tränen ohne Ende und ganz viel Dank für so ein verrücktes Spiel. Ganz ehrlich, daran hat keiner gedacht, dass wir dieses Spiel noch drehen. Ich war nach dem Spiel gegen Bochum schon fertig vom Rennen aber danach ging Tage nichts mehr. Ich kann mich da nur wiederholen, was für eine geile Truppe wir waren. Moment, es geht ja gleich noch weiter …

Werder Bremen:
Wenn man St. Pauli gegen Werder Bremen sagt, wird man immer auf dieses eine Spiel angesprochen. Ein Spiel wie das wird es bestimmt so nie wieder geben. Das Schneespiel, ach was sag ich: das EISschneespiel! Wie ist die Mannschaft auf dem glatten Boden marschiert, wie hat sich die Mannschaft auf dem harten Boden hingeworfen und sich Wunden und Prellungen geholt. Mehr Einheit geht nicht und wir gewinnen das Spiel mit 3:1. Wieder habe ich ein Tor erzielt und wir sind wieder eine Runde weiter gekommen, UNGLAUBLICH, Du verrückter FC St. Pauli.

DFB – Pokal Auslosung:
Das Aktuelle Sportstudio hatte geladen und wir sind alle dort hin. Das Hoffen und Bangen, nicht den großen FC Bayern München zu bekommen- dieses Glück war uns leider verwehrt geblieben. Ich wäre am liebsten gleich aus dem Studio gelaufen, als das Los gezogen worden ist, aber damit mussten wir dann leider leben.

Bayern München:
Jeder Fußballer träumt davon, mal gegen den FC Bayern München zu spielen und viele in der Mannschaft hatten nun die Möglichkeit, etwas mit unserem FC St. Pauli zu schaffen, was sich nicht so schnell wiederholt, nämlich in das Finale des DFB-Pokals einzuziehen. Gedanklich für mich stand nur fest, wir müssen das irgendwie schaffen, ich will zurück nach Hause ins Olympiastadion, dahin, wo ich schon einmal Erfolg gehabt hatte. Was wäre es geil gewesen, 60.000 St. Pauli Fans feiern nicht nur die 90 Minuten, alles in Braun-Weiß, Partystimmung hoch zehn. Nein, dieser Traum wurde nicht wahr. Es ging ja schließlich gegen Bayern München, sie machten es uns nicht einfach und so kam es dann auch. 0:3 verloren, tapfer gekämpft und trotzdem so viel Aufsehen erzeugt in dieser Saison. Wir hatten alle keine Kraft mehr, diese Pokalsaison wird niemals vergessen werden von allen Beteiligten. Mehr Stolz, mit einer so klasse Mannschaft dieses erreicht zu haben, geht nicht, so stolz, mit solch fantastischen Fans im Rücken gefeiert zu haben und so stolz, für den FC St. Pauli gespielt zu haben.

DFB – Pokal 2007:
Mehr Dramatik in diesem Spiel geht auch nicht. Wieder der große FC Bayern München und das gleich in der ersten Runde. Da war doch was, die haben mir meinen Traum kaputt gemacht, wieder im Olympiastadion zu spielen. Es war ein verdammt knappes, aber auch ein sehr hochklassiges Spiel. Man hat nicht gesehen, dass wir in der Regionalliga spielten und die Bayern hatten ihre große Mühe mit uns. Auch das war ein Spiel, das ich auch so noch nie bei St. Pauli erlebt habe. Leidenschaft pur, Spielfreude und Kampfgeist, einfach genial, St. Pauli. Die Mannschaft hat sich 120 Minuten gewehrt, trotz des 1:1 sah es nicht so aus, als ob wir uns nun ergeben würden. Dann die 106. Minute. Die Träumerei, den großen FC Bayern München doch noch ins den Elfmeterschießen zu bekommen, war vorbei. Nach so einem Spiel, in dem alle ALLES gegeben hatten, war das eine Riesenenttäuschung.

Regionalliga:
Wenn ich auf drei Jahre zurückschaue, war das erste Jahr eine riesige Enttäuschung. Ich bin zurück zu meinem Verein gekommen, um dort wieder etwas mit aufzubauen. Es ist mir nicht gelungen, umso größer war meine Enttäuschung. Viele hatten mich schon abgeschrieben und mich nicht mehr für tauglich gehalten. Wie die Jahre danach gezeigt haben, lagen sie falsch.
Das zweite Jahr wäre ohne den DFB-Pokal eine Enttäuschung gewesen, aber ich glaube, wir sind uns da alle einig, dass es deswegen für uns alle ein Mega-Jahr war.

Aufstieg:
Diese Saison hatte Licht und Schatten. Ganz bitter war für mich persönlich war die Entlassung von Andreas Bergmann. Was mir auch sehr leid getan hat, er ist ein klasse Mensch und hatte das nicht verdient, so gehen zu müssen. Entscheidend für mich war das Spiel in Erfurt, wo wir 3:0 gewonnen hatten. Vor dem Spiel hieß es, in den neuen Bundesländern tun wir uns immer schwer, war aber diesmal nicht so. Überragend war die Aufstiegsfeier, der Spielbudenplatz war mit unseren Fans überlastet gewesen, aber eine bombastische Stimmung. Der absolute Hit waren auch die „Feierlichkeiten“ der Tage zuvor mit der Mannschaft, die das endlich geschafft hatte, worauf alle solange gewartet hatten. Auch hier kann ich mich nur wiederholen: Danke, Jungs, es war eine Riesensache mit Euch, danke an Euch Fans für die super Unterstützung (auch wenn Ihr nicht immer mit uns zufrieden wart).

Holger Stanislawski:
Was soll man eigentlich zu dieser Person noch schreiben?
Als er uns in der Winterpause 2006 übernommen hat, dachte keiner von uns, dass wir noch da oben in die Tabelle hinkommen würden. Er hat uns jeden Tag gesagt, Ihr werden es schaffen, Ihr müsst nur mitziehen. Also ich dachte mir da ganz ehrlich, jetzt kommt einer daher, der meint, wieder alles besser zu wissen über Fußball und redet ein komisches Zeug, von AUFSTIEG. Der hat sie doch nicht mehr alle, dieser Vogel.
Er hatte Recht behalten, weil alle ausnahmslos extrem an sich gearbeitet hatten, um den Rest der Liga hinter sich zu lassen. Ob als Spieler oder dann auch als Trainer, er hat das gewisse Etwas, um eine Mannschaft immer ans Limit zu bekommen. Seit 1996 kenne ich ihn und er hat immer noch die gleichen Macken (im positiven Sinne natürlich) 🙂

Corny Littmann:
Für mich einer der besten Präsidenten die ich erleben durfte. Nein, sogar einer der besten Präsidenten im deutschen Fußball, der von sehr vielen Menschen wegen seines öffentlichen Bekenntnisses zur Homosexualität belächelt worden ist. Dieser Mensch ist für unseren FC St. Pauli ein 6er im Lotto gewesen. Ein sehr positiver Mensch, aber auch ein knallharter Geschäftsmann.
Ihm ist es zu verdanken, dass unser geliebtes Millerntor umgebaut wird. Auch wenn ich es schade finde, nichts mehr vom alten Stadion zu sehen, wurde es nun dank seiner professionellen Arbeitsweise ermöglicht, ein wunderschönes Stadion zu bekommen.
CORNY, vielen Dank für deine tolle Arbeit, Du bist wirklich ein ganz besonderes Geschenk für unseren Verein.

St. Pauli Traditionsmannschaft:
Seitdem ich aufgehört habe, bleibe ich St. Pauli treu und spiele mit vielen Jungs aus viele Generationen zusammen in der Traditionsmannschaft.

FC St. Eloi Lupopo 2009:
Nach meiner aktiven Laufbahn habe ich dann meinen ersten Posten als Co–Trainer in der Demokratischen Republik Kongo angenommen. Es ist ein 1. Liga-Verein, den ich mit betreut habe. Wir wurden Meister in der Region und Vizemeister von gesamt Kongo. Gleichzeitig hatten wir uns für die Champions League Afrika qualifiziert.

Diyarbakirspor 2010:
Seit Juli 2010 arbeite ich bei Diyarbakirspor für einen 2. Liga Verein in der Türkei als Scout. Talente sichten in Afrika und Südamerika, das ist zur Zeit mein Aufgabenbereich.

Alkohol:
Über dieses Thema will ich eigentlich gar nicht mehr so viel reden, aber es hat leider mein Leben über einige Zeit bestimmt und es hätte mich auch fast aus der Bahn geworfen.
Ich kann heute nur zu jedem sagen: egal, wie aussichtslos ein Leben zu sein scheint, mit dem Alkohol wird man all seine Probleme nicht lösen. Mein Schicksalsschlag war der Tod meines Vaters, aber soweit muss es nicht bei jedem kommen. Sei nicht zu stolz, um Dir professionelle Hilfe zu holen, denk immer daran, dies ist unser einziges Leben und es ist es nicht wert, das eben durch Alkohol zu beenden. Ich will hier auch nicht den Moralapostel spielen, aber ich habe den Kampf gegen Alkohol auf mich genommen und ihn besiegt ….
DU KANNST ES AUCH SCHAFFEN !!!

Eurer Magischer Mazingu-Dinzey

Edit: Was nicht unerwähnt bleiben darf, ist sein starkes Engagement für eine Vielzahl von sozialen Projekten. So arbeitet er bei NestWerk e.V. unter der Leitung von Reinhold Beckmann mit Kindern und Jugendlichen zusammen, Stichwort „Perspektiven schaffen“.

Am Universitätsklinikum Eppendorf, Fachbereich Psychiatrie,  unterstützt er Prof. Dr. Rainer Thomasius in den Bereichen Suchtprävention und Suchtbehandlung bei Kindern und Jugendlichen, hier ist die eigene Erfahrung mit der Droge Alkohol ein wesentlicher Bestandteil seiner Mitarbeit. Anderen zu helfen, davon loszukommen, ist ihm immens wichtig, daher investiert er einen großen Teil seiner Freizeit in dieses Herzensanliegen.

Und seit 2009 ist er als Vertreter der Demokratischen Republik Kongo im Kader des von Lutz Pfannenstiel gegründeten Global United FC , einem Zusammenschluß von mehr als 150 Fußballspielern weltweit, die sich den Schutz des Klimas zur Aufgabe gemacht haben. .

Hier der Vollständigkeit halber noch ein interessantes Interview mit spox vom Dezember 2009.

**Hinweis: Die verwendeten Fotos hat Michél Mazingu-Dinzey zur Verfügung gestellt, sollten teilweise leider nicht zu ermittelnde Rechteinhaber Einwände gegen die Verwendung haben, werde ich die Fotos selbstverständlich sofort entfernen bzw. mit einem Urheberhinweis/-link versehen.

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