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Aktion Libero – Sportblogs gegen Homophobie im Fussball

Ein Spiel dauert neunzig Minuten. Zumindest im besten Fall, für schwule Profifußballer dauert das Versteckspiel ein Leben lang: Keiner wagt es, seine Homosexualität offen zu leben. So schön Fußball auch ist – Ressentiments halten sich in seinem Umfeld hartnäckig.

Ein unerträglicher Zustand! Ob jemand schwul ist, oder rund oder grün, das darf keine Rolle spielen. Wir alle sollten ein bisschen besser aufpassen – auf unsere Worte, unser Denken, unsere Taten: Die Freiheit jedes Einzelnen ist immer auch die eigene Freiheit.

Wir schreiben in unseren Blogs über Sport und unsere Haltung ist eindeutig:
Wir sind gegen Homophobie. Auch im Fußball.

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Sie wissen, dass hier „eigentlich“ geschlossen ist, aber als die Blogger des Sportbloggernetzwerkes mich fragten, ob ich dennoch die Aktion unterstützen würde, war die Antwort klar.

In einem Land, in dem Ätz-Rapper Bushido einen Preis für seine Integrationsbemühungen erhält (falls Sie die Texte nicht so auf dem Schirm haben, bitte sehr) und ein hochrangiger Vertreter des DFB die Verknüpfung von Profifussball und Homosexualität in einem Fernsehfilm als Angriff auf die eigene Familie sieht, besteht mehr als nur Handlungsbedarf.

Dass Theo Zwanziger die Aktion Libero unterstützt, überrascht nicht und ist natürlich löblich, seine öffentlichen Statements zum Thema sind bekannt, aber es ist umso betrüblicher, dass er es bisher offenbar nicht einmal geschafft hat, in den eigenen Reihen aufzuräumen mit den unerträglichen alten Zöpfen. Ob er Herrn Bierhoff in aller Deutlichkeit darauf hingewiesen hat, dass diese Oppositionsbildung „schwul vs. Familie“ und damit die Unterstellung, dass Schwule die bürgerliche Familie „zerstören“ würden und wollten, ein teilweise rechter Klassiker ist, weiss man ja auch nicht. Zumindest öffentlich ist er dem nicht entgegengetreten und das wäre gerade in diesem Fall so wichtig gewesen, aus den Worthülsen und Lippenbekenntnissen endlich Fakten zu schaffen. Auf die Rückendeckung von Herrn Zwanziger sollte man sich als schwuler Fussballer mit Outing-Gedanken nach den bisherigen Erkenntnissen zumindest nicht felsenfest verlassen. Dass seitens des DFB massiv und „per actionem“ für ein Umdenken eingetreten wird, abgesehen von medienwirksamen Einzelaussagen und mal einem Banner auf der Homepage, ist mir bisher nicht aufgefallen. Words are cheap.

Umdenken. Das würde allerdings erst einmal Denken erfordern und davon ist man in vielen schwulenhassenden Fankurven noch weit entfernt. So lange sich Fussballprofis in vorauseilendem Eifer noch öffentlich als heterosexuell „outen“ und damit suggerieren, dass Homosexualität etwas ist, von dem man sich dringend abgrenzen muss, hat der Fussball noch einen langen Weg vor sich im Kampf gegen Homophobie. „Die Kultur-Wissenschaftlerin Dr. Tatjana Eggeling forscht seit sechs Jahren zum Thema „Homosexualität im Profisport“ und berät schwule Fußballer. Im sportstudio.zdf.de-Interview bezieht sie dazu Stellung.“

Erschreckend ist dabei zusätzlich, dass mit der Homophobie auch gerne versteckte oder auch direkte Frauenfeindlichkeit einhergeht, die Ablehnung des Weiblichen zum Zwecke der Eigenbestimmung als „echter Kerl“ und Abgrenzung zum Tuntigen, Femininen. Obwohl dieses „Weibliche“ bei Schwulen nicht notwendig als Attribut zutrifft, aber Frauenfeindlichkeit und seltsame stereotype Vorstellungen von Schwulen hier eine Liaison eingehen.

Mehr als nur erfreulich ist hingegen, wenn Mario Gomez schwule Fussballer zum Outing ermutigen will (genau seitdem und deswegen mache ich übrigens keine Witze mehr über seine Haare!) und das ist sicher auch seine Überzeugung. Schöner wäre es aber, wenn es keiner Aufrufe von Heterosexuellen bedürfen würde, sondern Heterosexuelle ihre eigenen Haltungen hinterfragen würden und ein „Unterschied“ zwischen homosexuell und heterosexuell sein gar nicht mehr diskutiert werden müsste. Zum jetzigen Zeitpunkt kann man aber keinem dazu raten, sich dem öffentlichen Spießrutenlauf auszusetzen, der zweifellos folgen würde.

Vielleicht würde man die Dummen dieser Welt in den Stadien selbst noch im Griff haben, am Millerntor gelingt das zu diesem Thema zumindest oberflächlich. Zumindest ist die Geschichte des antirassistischen, antisexistischen und antihomophoben Engagements des FC St. Pauli eine lange und traditionelle, obwohl auch in unseren Reihen Homophobe, verhüllt vom Mäntelchen der Fangemeinde, existieren, aber in dieser Umgebung eben nicht geduldet werden. Im Stillen bleiben viele dennoch homophob. Der nach aussen demonstrierte Konsenz in diesen Themen stellt sich eben auch bei uns zuweilen als ein als gesellschaftlich erforderliches Verhaltensmuster heraus, das mit den tatsächlichen Empfindungen kollidiert und in der direkten Auseinandersetzung wird deutlich, dass die heterosexuellen Platzhirsche, die völlig auf Selbstkritik verzichten und noch Betroffenen vorschreiben wollen, was diese jeweils unter Homophobie zu verstehen haben, auch beim FC St. Pauli existieren.

Vielleicht würde man auch bei den Profikollegen genügend Akzeptanz finden, aber das Leben außerhalb des Stadions wäre wohl nur für jemanden zu ertragen, an dem Häme und Schlagzeilengeilheit einer BILD-Zeitung und dem Rest der Sensationspresse abprallen, der es verkraftet, von Fan-Rotten geschmäht und beschimpft zu werden, deren IQ gerade mal knapp über dem einer Ingerwurzel liegt.
Für einen schwulen Fußballer, der aktiv im Profigeschaft tätig ist, ist dieses 21. Jahrhundert und seine aufgeklärte, weltoffene, integrationsbemühte Gesellschaft *hüstel* einfach noch nicht so weit.

Die Krux dabei: aber gerade einen prominenten, allseits geschätzten Profi würde es brauchen, um der Homosexualität im Fussball einen Namen zu geben, der es schaffen würde, das Tabuthema Nr. 1 im deutschen Fussball in der Öffentlichkeit klar zu vertreten und einem Herrn Bierhoff die gehegte Familienidylle neu zu justieren. Und das nicht erst nach Beendingung der Karriere.

Aus vergangenen Erfahrungen wissen wir, dass es immer einen braucht, der den ersten Schritt macht. Und wenn es ein Schritt auf die Bahngleise ist wie bei Robert Enke, der mit seinem Freitod alle dazu gezwungen hat, seine Krankheit Depression als im Fussball existent zu realisieren. So wie die Homosexualität ein Thema ist, mit dem gerade im Fussball diskreditierend umgegangen wird, so war die Depression ein Tabuthema – es kann nicht geben, was es nicht geben darf bei den „echten Kerlen“. Echte Männer sind nicht schwul und echte Männer haben keine Depressionen. So einfach ist das.

Interessant an dieser Stelle ist der Umgang mit dem Thema im Frauenfussball, der diskursiv unter Fussballfan-Männern aber kaum stattfindet. Was wahrscheinlich daran liegt, dass die Homophoben den Frauenfussball als die Sportart sehen, die „ohnehin nur Lesben“ betreiben und bei der sie sich selbst nicht existientiell und ihrem gesellschaftlichen Verständnis bedroht fühlen.

Ich habe Angst, dass gerade jetzt im Moment irgendwo ein junger schwuler Fussballprofi sitzt, dem der Leidensdruck, das Lügen müssen, die Heimlichkeiten, die Verleugnung der eigenen Person und die Ausweglosigkeit die Luft zum Atmen nehmen und er zu einer fatalen und finalen Entscheidung gelangt. Dann wird die Öffentlichkeit erschrecken, der Betroffenheitsjournalismus alle Register ziehen, dann haben es weder alle vorher gewusst und dann wird es heissen, er hätte doch was sagen können, man hätte ihm doch helfen können.

Hilfe im Nachhinein ist nicht gefragt, Arbeit im Voraus ist gefordert. Damit sich niemand mehr überhaupt Hilfe suchen muss, weil er homosexuell ist. Hilfe braucht jemand, der nichts zu essen hat, kein Dach über dem Kopf, arbeitslos ist, bei einer Überschwemmung sein Haus verloren hat, einen schweren Unfall hatte, aber doch bitte nicht wegen einer sexuellen Orientierung! So lange Homosexualität als Ausnahmezustand betrachtet wird, von den Ratzingers dieser Welt als unnormal und widernatürlich diskriminiert, sind wir -auch und gerade in einem testosteronhaltigen Sport wie Fussball- weit vom Ziel entfernt.

Aber diesem Ziel Stück für Stück näherzukommen, auch wenn es in kleinen Schritten ist, hat sich auch die Aktion Libero verschrieben und ich finde sie großartig. Es wäre natürlich wunderbar gewesen, wenn ein schwuler Fussballer gesagt hätte, ich mache mit und nehme das zum Anlass, den Schritt zu tun, aber das bleibt noch ein Traum. Von einer besseren Welt. In der irgendwann auch der letzte begriffen hat, dass es letztendlich „nur“ um Liebe geht. Die etwas Wunderschönes ist. Egal, ob hetero oder schwul.

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