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Aktion Libero – Sportblogs gegen Homophobie im Fussball

Ein Spiel dauert neunzig Minuten. Zumindest im besten Fall, für schwule Profifußballer dauert das Versteckspiel ein Leben lang: Keiner wagt es, seine Homosexualität offen zu leben. So schön Fußball auch ist – Ressentiments halten sich in seinem Umfeld hartnäckig.

Ein unerträglicher Zustand! Ob jemand schwul ist, oder rund oder grün, das darf keine Rolle spielen. Wir alle sollten ein bisschen besser aufpassen – auf unsere Worte, unser Denken, unsere Taten: Die Freiheit jedes Einzelnen ist immer auch die eigene Freiheit.

Wir schreiben in unseren Blogs über Sport und unsere Haltung ist eindeutig:
Wir sind gegen Homophobie. Auch im Fußball.

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Sie wissen, dass hier „eigentlich“ geschlossen ist, aber als die Blogger des Sportbloggernetzwerkes mich fragten, ob ich dennoch die Aktion unterstützen würde, war die Antwort klar.

In einem Land, in dem Ätz-Rapper Bushido einen Preis für seine Integrationsbemühungen erhält (falls Sie die Texte nicht so auf dem Schirm haben, bitte sehr) und ein hochrangiger Vertreter des DFB die Verknüpfung von Profifussball und Homosexualität in einem Fernsehfilm als Angriff auf die eigene Familie sieht, besteht mehr als nur Handlungsbedarf.

Dass Theo Zwanziger die Aktion Libero unterstützt, überrascht nicht und ist natürlich löblich, seine öffentlichen Statements zum Thema sind bekannt, aber es ist umso betrüblicher, dass er es bisher offenbar nicht einmal geschafft hat, in den eigenen Reihen aufzuräumen mit den unerträglichen alten Zöpfen. Ob er Herrn Bierhoff in aller Deutlichkeit darauf hingewiesen hat, dass diese Oppositionsbildung „schwul vs. Familie“ und damit die Unterstellung, dass Schwule die bürgerliche Familie „zerstören“ würden und wollten, ein teilweise rechter Klassiker ist, weiss man ja auch nicht. Zumindest öffentlich ist er dem nicht entgegengetreten und das wäre gerade in diesem Fall so wichtig gewesen, aus den Worthülsen und Lippenbekenntnissen endlich Fakten zu schaffen. Auf die Rückendeckung von Herrn Zwanziger sollte man sich als schwuler Fussballer mit Outing-Gedanken nach den bisherigen Erkenntnissen zumindest nicht felsenfest verlassen. Dass seitens des DFB massiv und „per actionem“ für ein Umdenken eingetreten wird, abgesehen von medienwirksamen Einzelaussagen und mal einem Banner auf der Homepage, ist mir bisher nicht aufgefallen. Words are cheap.

Umdenken. Das würde allerdings erst einmal Denken erfordern und davon ist man in vielen schwulenhassenden Fankurven noch weit entfernt. So lange sich Fussballprofis in vorauseilendem Eifer noch öffentlich als heterosexuell „outen“ und damit suggerieren, dass Homosexualität etwas ist, von dem man sich dringend abgrenzen muss, hat der Fussball noch einen langen Weg vor sich im Kampf gegen Homophobie. „Die Kultur-Wissenschaftlerin Dr. Tatjana Eggeling forscht seit sechs Jahren zum Thema „Homosexualität im Profisport“ und berät schwule Fußballer. Im sportstudio.zdf.de-Interview bezieht sie dazu Stellung.“

Erschreckend ist dabei zusätzlich, dass mit der Homophobie auch gerne versteckte oder auch direkte Frauenfeindlichkeit einhergeht, die Ablehnung des Weiblichen zum Zwecke der Eigenbestimmung als „echter Kerl“ und Abgrenzung zum Tuntigen, Femininen. Obwohl dieses „Weibliche“ bei Schwulen nicht notwendig als Attribut zutrifft, aber Frauenfeindlichkeit und seltsame stereotype Vorstellungen von Schwulen hier eine Liaison eingehen.

Mehr als nur erfreulich ist hingegen, wenn Mario Gomez schwule Fussballer zum Outing ermutigen will (genau seitdem und deswegen mache ich übrigens keine Witze mehr über seine Haare!) und das ist sicher auch seine Überzeugung. Schöner wäre es aber, wenn es keiner Aufrufe von Heterosexuellen bedürfen würde, sondern Heterosexuelle ihre eigenen Haltungen hinterfragen würden und ein „Unterschied“ zwischen homosexuell und heterosexuell sein gar nicht mehr diskutiert werden müsste. Zum jetzigen Zeitpunkt kann man aber keinem dazu raten, sich dem öffentlichen Spießrutenlauf auszusetzen, der zweifellos folgen würde.

Vielleicht würde man die Dummen dieser Welt in den Stadien selbst noch im Griff haben, am Millerntor gelingt das zu diesem Thema zumindest oberflächlich. Zumindest ist die Geschichte des antirassistischen, antisexistischen und antihomophoben Engagements des FC St. Pauli eine lange und traditionelle, obwohl auch in unseren Reihen Homophobe, verhüllt vom Mäntelchen der Fangemeinde, existieren, aber in dieser Umgebung eben nicht geduldet werden. Im Stillen bleiben viele dennoch homophob. Der nach aussen demonstrierte Konsenz in diesen Themen stellt sich eben auch bei uns zuweilen als ein als gesellschaftlich erforderliches Verhaltensmuster heraus, das mit den tatsächlichen Empfindungen kollidiert und in der direkten Auseinandersetzung wird deutlich, dass die heterosexuellen Platzhirsche, die völlig auf Selbstkritik verzichten und noch Betroffenen vorschreiben wollen, was diese jeweils unter Homophobie zu verstehen haben, auch beim FC St. Pauli existieren.

Vielleicht würde man auch bei den Profikollegen genügend Akzeptanz finden, aber das Leben außerhalb des Stadions wäre wohl nur für jemanden zu ertragen, an dem Häme und Schlagzeilengeilheit einer BILD-Zeitung und dem Rest der Sensationspresse abprallen, der es verkraftet, von Fan-Rotten geschmäht und beschimpft zu werden, deren IQ gerade mal knapp über dem einer Ingerwurzel liegt.
Für einen schwulen Fußballer, der aktiv im Profigeschaft tätig ist, ist dieses 21. Jahrhundert und seine aufgeklärte, weltoffene, integrationsbemühte Gesellschaft *hüstel* einfach noch nicht so weit.

Die Krux dabei: aber gerade einen prominenten, allseits geschätzten Profi würde es brauchen, um der Homosexualität im Fussball einen Namen zu geben, der es schaffen würde, das Tabuthema Nr. 1 im deutschen Fussball in der Öffentlichkeit klar zu vertreten und einem Herrn Bierhoff die gehegte Familienidylle neu zu justieren. Und das nicht erst nach Beendingung der Karriere.

Aus vergangenen Erfahrungen wissen wir, dass es immer einen braucht, der den ersten Schritt macht. Und wenn es ein Schritt auf die Bahngleise ist wie bei Robert Enke, der mit seinem Freitod alle dazu gezwungen hat, seine Krankheit Depression als im Fussball existent zu realisieren. So wie die Homosexualität ein Thema ist, mit dem gerade im Fussball diskreditierend umgegangen wird, so war die Depression ein Tabuthema – es kann nicht geben, was es nicht geben darf bei den „echten Kerlen“. Echte Männer sind nicht schwul und echte Männer haben keine Depressionen. So einfach ist das.

Interessant an dieser Stelle ist der Umgang mit dem Thema im Frauenfussball, der diskursiv unter Fussballfan-Männern aber kaum stattfindet. Was wahrscheinlich daran liegt, dass die Homophoben den Frauenfussball als die Sportart sehen, die „ohnehin nur Lesben“ betreiben und bei der sie sich selbst nicht existientiell und ihrem gesellschaftlichen Verständnis bedroht fühlen.

Ich habe Angst, dass gerade jetzt im Moment irgendwo ein junger schwuler Fussballprofi sitzt, dem der Leidensdruck, das Lügen müssen, die Heimlichkeiten, die Verleugnung der eigenen Person und die Ausweglosigkeit die Luft zum Atmen nehmen und er zu einer fatalen und finalen Entscheidung gelangt. Dann wird die Öffentlichkeit erschrecken, der Betroffenheitsjournalismus alle Register ziehen, dann haben es weder alle vorher gewusst und dann wird es heissen, er hätte doch was sagen können, man hätte ihm doch helfen können.

Hilfe im Nachhinein ist nicht gefragt, Arbeit im Voraus ist gefordert. Damit sich niemand mehr überhaupt Hilfe suchen muss, weil er homosexuell ist. Hilfe braucht jemand, der nichts zu essen hat, kein Dach über dem Kopf, arbeitslos ist, bei einer Überschwemmung sein Haus verloren hat, einen schweren Unfall hatte, aber doch bitte nicht wegen einer sexuellen Orientierung! So lange Homosexualität als Ausnahmezustand betrachtet wird, von den Ratzingers dieser Welt als unnormal und widernatürlich diskriminiert, sind wir -auch und gerade in einem testosteronhaltigen Sport wie Fussball- weit vom Ziel entfernt.

Aber diesem Ziel Stück für Stück näherzukommen, auch wenn es in kleinen Schritten ist, hat sich auch die Aktion Libero verschrieben und ich finde sie großartig. Es wäre natürlich wunderbar gewesen, wenn ein schwuler Fussballer gesagt hätte, ich mache mit und nehme das zum Anlass, den Schritt zu tun, aber das bleibt noch ein Traum. Von einer besseren Welt. In der irgendwann auch der letzte begriffen hat, dass es letztendlich „nur“ um Liebe geht. Die etwas Wunderschönes ist. Egal, ob hetero oder schwul.

Der DFB – (k)ein Wintermärchen

Es war einmal das Spiel des FC St. Pauli gegen den FC Hansa Rostock am 27. September 2008.

Nach skandalösen Vorfällen, rassistischen Anfeindungen gegen Morike Sako, aggressiven Übergriffen von Fans und einer nicht akzeptablen Leistung des Sicherheitsdienstes wurden seitens des DFB versprochen, sich der Sache anzunehmen, die Vorfälle zu untersuchen, Zeugen zu hören und „Konsequenzen zu ziehen“.

Alles, was seither passiert ist, war ein „Musterprozess“ gegen einen der Beteiligten, der vergleichsweise im Schnellverfahren angesetzt wurde, womit der DFB nichts zu tun hat. Seitens der Staatsanwaltschaft und der Gerichtsbarkeit in Rostock wurde zumindest festgestellt, dass es zu Ausschreitungen gekommen ist, die nichts mehr mit normalen „Vorfällen“ bei und rund um Fussballspiele zu tun haben. Nur der DFB, der schweigt. Beharrlich. Wurden noch im Vorfeld Emails von St. Pauli-Fans beschwichtigend beantwortet im Sinne von „file in process“, gibt es jetzt auf Nachfrage nicht mal mehr eine Antwort. Der DFB tut das, was er am besten kann: eine unangenehme Sache totschweigen.

Die halb unangenehmen Sachen werden hingegen sofort erledigt. Etliche Vorfälle, die sich NACH dem Spiel gegen Rostock ereignet haben, wurden seitens des DFB im Eilverfahren geahndet, in Sachen Rostock passiert – NICHTS. Auf der anderen Seite werden öffentlich Aktionen der Werder Bremen Fans gelobt, die sich dem Hissen einer Nazifahne entgegengestellt haben und der DFB wird nicht müde, werbewirksam sein Engagement gegen Rassismus und Gewalt im deutschen Fussball herauszustellen. Nur sind das im Falle von Rostock nichts als Lippenbekenntnisse. Es wird offensichtlich darauf gebaut, dass das öffentliche Interesse bei konsequenter Themenvermeidung schon nachlassen wird, das Eisen ist dem DFB aus mir unerfindlichen Gründen offenbar zu heiss und jetzt, wo Vertröstungsemails offenbar nicht mehr wirken, wird eben gar nicht mehr reagiert.

Es gibt ja auch immer noch Leute, die überzeugt davon sind, dass der DFB schon weiss, was er tut und eben alles seine Zeit braucht. Sehr blauäugig, sehr naiv und unglaublich vertrauensvoll angesichts der Tatsache, dass die Vorfälle bereits zwei Monate zurückliegen, in der Zwischenzeit etliche andere Maßregelungsprozesse zum Teil in atemberaubender Geschwindigkeit abgeschlossen werden konnten, währenddessen der See bei Rostock still ruht. Aber nicht in Frieden.

Man könnte nun meinen, Hansa Rostock werde ja mittlerweile von einer höheren Gerechtigkeit gestraft, wenn man an das gestrige 6:0 gegen „die Region“ denkt und an die „sportliche“ Entwicklung des Vereins in den letzten Wochen. Sicherlich trägt das zu einem leichten Befriedigungsgefühl bei, ändert jedoch nichts an der Grundproblematik.

Der DFB war und ist aufgefordert, eindeutig Stellung zu beziehen anstatt willkürlich in die Welt hineintrompetete Statements abzugeben, und am konkreten Fall Zeichen zu setzen. Dieser Verantwortung wird sich bisher konsequent entzogen und die damit verbundene Verhaltensweise, auch auf Anfragen nicht mehr zu reagieren, lässt nur den Schluss übrig, dass die Angelegenheit im Sande verlaufen soll.

Was nun, Herr Zwanziger?

***Meldung***Sport***News***Meldung***

Unglaubliche Vorfälle im Ostseestadion bei der Partie Hansa Rostock gegen FC St. Pauli. Nachdem es bereits im Vorfeld zu Ausschreitungen zwischen den Fans gekommen war, verliessen Trainer und Mannschaft des FC St. Pauli nach rassistischen Ausfällen gegenüber dem farbigen Spieler Morike Sako geschlossen das Spielfeld.

Beim Stand von 2:0 in der 68. Minute kam es von Rostocker Seite zu rassistischen Beschimpfungen Sakos. Dieser versuchte zunächst unbeeindruckt davon weiterzuspielen, als jedoch zu den Rufen noch deutliche Affengeräusche erklangen und auch der Schiedsrichter keine Veranlassung sah, einzugreifen, rief der Trainer des FC St. Pauli, Holger Stanislawski, seine Mannschaft an die Seitenlinie. Nach Rücksprache mit dem dazugekommenen Schiedsrichter, der offenbar keine Anstalten machte, die Geschehnisse in den Griff zu bekommen, verliessen Stanislawski und seine Mannschaft den Platz Richtung Kabine, unter frenetischem Beifall ihrer Fans in der Gästekurve.

Stanislawski: „Es kann einfach nicht angehen, dass eine Gastmannschaft in dieser Art und Weise behandelt wird. Meine Spieler und ich sind uns einig, dass wir als Mannschaft füreinander einstehen und es ist nicht akzeptabel, dass sich Mo dem aussetzen muss ohne jegliche Gegenwehr. Weder der Stadionsprecher noch der Schiedsrichter sahen sich in der Lage, diesem Treiben ein Ende zu setzen und da ist es für uns ganz klar, dass wir unter diesen Umständen lieber die drei Punkte in Rostock lassen als das zu tolerieren. Mir persönlich sind die Konsequenzen, die unser Verhalten möglicherweise von Seiten des DFB nach sich zieht, angesichts der Tatsache, dass gerade der DFB sich auf die Fahne geschrieben hat, gegen Rassismus unerbittlich vorzugehen, schlichtweg egal. So etwas ist nicht tolerierbar und meine Mannschaft und ich müssen das nicht hinnehmen.“

Der Kapitän des FC St. Pauli, Fabio Morena, ist der gleichen Ansicht.
Morena: „Als Herr Stanislawski uns an die Seitenlinie rief, hatte ich schon so eine Ahnung, um was es ging. Ich habe selbst die ganze Zeit schon gedacht, Mensch, da muss doch jemand was unternehmen, aber nichts ist passiert. Ich stehe voll und ganz hinter der Entscheidung und bin froh, dass wir das Spiel abgebrochen haben. So etwas hat Mo nicht verdient, keiner hat so etwas verdient und uns ist eine Strafe in dem Zusammenhang auch egal. Sollen sie doch.“

So und ähnlich lauten die Stellungnahmen der Spieler zur Entscheidung des Spielabbruchs.
Auch der Präsident des FC St. Pauli, Corny Littmann, begrüsst das Verhalten seines Trainers und er Mannschaft. „Es ist nicht hinnehmbar, dass es im Rahmen eines Fussballspiels zu solchen Auswüchsen kommt. Die Wechselgesänge an die „schwulen Hamburger“ -und das sage ich nicht nur, weil ich homosexuell bin- sind bereits jenseits der akzeptablen Schmähgesang-Grenze, aber schlimmer noch ist für mich der offen zur Schau gestellte Rassismus von Rostocker Hooligans und da ist es mir egal, ob das „Fans“ oder „Nicht-Fans“ sind. Ich sehe der Stellungnahme des DFB gelassen entgegen, obwohl ich wie in der Vergangenheit nicht das erwarte, was der DFB eigentlich als verantwortliches Organ leisten müsste. Es wird wohl so ausgehen, dass wir wegen des unerlaubten Spielabbruchs eine Strafe werden bezahlen müssen, natürlich sind die Punkte weg, aber das ist es uns einfach wert. Jemand muss ein Zeichen setzen und das sind dann nun eben wir. Wenn man immer über mögliche Konsequenzen nachdenkt, verpasst man auch mal eine Gelegenheit, sich deutlich zu positionieren. So eine Gelegenheit haben wir heute ungewollt bekommen.“

Der Trainer von Hansa Rostock, Frank Pagelsdorf, wollte sich auf unsere Nachfrage nicht äußern, ebensowenig der Sicherheitschef des Vereins, Jörg Hübner, dem vermehrt Versagen in der Organisation und dem Einsatz des Ordnerteams vorgeworfen wird.

Die Fans des FC St. Pauli tragen diese Entscheidung mit und sind begeistert davon, wie ihre Mannschaft in dieser Situation reagiert hat. Stimmen aus der Gästekurve:
„Stani hatte völlig Recht, man muss einfach mal deutlich machen, so geht das nicht. Als ich mitbekommen habe, dass die das Spielfeld verlassen, nachdem das mit Mo immer schlimmer geworden ist, dachte ich, mein Gott, was ist das für ein geiler Verein, den ich da liebe.“

„Als sie vom Spielfeld runtergingen, hab ich Gänsehaut bekommen, das war ein unglaublicher Moment und ich war so stolz auf die Truppe und meinen Verein und ich bin froh, dass ich heute mitgekommen bin, obwohl ja im Vorfeld schon klar war, dass es sicher Ärger geben würde, aber allein das hier heute mitzuerleben, wie die zusammenhalten gegen diese Idioten, das ist der Hammer.“

Man darf gespannt sein, wie der DFB auf diese Geschehnisse reagiert und welche Regularien da wohl greifen mögen, aber eins steht fest: der FC St. Pauli hat heute Fußballgeschichte geschrieben und klar und deutlich signalisiert, dass für Rassismus im Stadion kein Platz ist. Man möchte sich wünschen, dass diese klare Position honoriert wird statt bestraft, aber auch wenn das eine vielleicht finanziell teuer Angelegenheit werden mag -beim DFB weiss man nie-: der FC St. Pauli hat heute bewiesen, dass „united we stand“ nicht nur eine Phrase ist. Bei St. Pauli ist das Programm.

Natürlich handelt es sich bei diesen „Nachrichten“ um schlichte Fiktion und natürlich hat sich das nicht so abgespielt. Ausser den rassistischen Ausfällen gegenüber Sako. Und natürlich hat keiner der Beteiligten das ausgesagt. Nur bei Pagelsdorf konnte ich bei der Wahrheit bleiben, der hat ja nichts gesagt. Aber so etwas würde ich mir wünschen als Reaktion auf die Vorfälle im Ostseestadion, das wäre eine Möglichkeit gewesen zu sagen „NEIN, nicht mit UNS“ und so etwas würde auch zu dem Verein passen. Das ist eine Fiktion, wie man sich wehren kann, fernab von Erwägungen von Konsequenzen. Was soll schon passieren und vor allem: wäre es das nicht wert gewesen, angesichts des Medienechos, das es mit Sicherheit gegeben hätte? So etwas ist noch nie dagewesen, aber es scheint an der Zeit zu sein, dass so etwas mal passiert. Und ich weiß, würde ich in der Gästekurve stehen und die Mannschaft würde geschlossen das Spielfeld verlassen, um zu zeigen, dass sie füreinander einstehen als Mannschaft – ich weiss, ich hätte geweint.

Randale in Rostock – das Finale


Das ist das Bild, das ich jetzt beim Namen „Hansa Rostock“ vor Augen habe…

Nachdem die Foren auf beiden Seiten heisslaufen, in der Presse ein Artikel nach dem anderen erscheint, im Fernsehen Berichte gezeigt werden, es eine Stellungnahme des FC St. Pauli gibt und eine erneute Schönrednerei von Hansa Rostock in/nach der Pressekonferenz, die Polizei bei ihrer laschen Linie bleibt und ich mir vor allem das Geschehen im Hansa Forum angesehen habe nach der PK und insbesondere den Thread für das Rückspiel, der „wie immer mit einem gepflegten Scheiss-St. Pauli beginnt“, komme ich langsam zu dem Schluß, dass meine scheuen Erwartungen an eine Einsicht der „normalen“ Rostock-Fans überzogen waren. Kleinmädchen-Träumereien von Bemühungen, aus den Vorfällen der Vergangenheit zu lernen.

Nachdem sowohl Polizei als auch Vereinsführung ihre vorangegangen Aussagen relativiert haben -um es freundlich auszudrücken- wird auch im Hansa-Forum wieder die Klappe aufgerissen. Es sind ja „nur“ keine Angehörigen der Fanvereinigungen gewesen, also kein Grund zur Besorgnis. Dass dieses rechte Gesocks von den Fanvereinigungen durch Nichtstun und Mitsingen angespornt wird und bei Hansa Rostock eine wunderbar beleuchtete Bühne findet, interessiert jetzt schon wieder nur noch Einzelne. Es scheint vergebliche Liebesmüh zu sein -bis auf wenige Ausnahmen- den Rostockern begreiflich zu machen, dass diese Hools IHREM Verein schaden und nicht unserem. Wen auch immer man auf Fußball anspricht, dem fällt bei den Stichworten „Randale“, „Nazis im Fußball“ und „Gewalttätigkeiten in Fan-Kreisen“ meist spontan und als allererstes Hansa Rostock ein. Woher das kommt und dass man munter damit fortfährt, diesen Ruf zu kultivieren, dafür wird die schweigende Masse schon sorgen. Die, die Gefahren nicht sehen, weil die Vereinsführung verniedlicht. Es wurde nie bestritten, dass in jeder Fanszene Gewaltbereite auf ihre Gelegenheit lauern, diese unterm dem Deckmantel des Fußballs auszuleben. Auch bei St. Pauli gibt es solche, nur die Bemühungen seitens der Fans, das zu regulieren, sind weitaus größer als bei Rostock. Anders gesagt: bei St. Pauli sind sie vorhanden im Gegensatz zu Rostock.

Wer erinnert sich nicht an die seitenlangen Diskussionen über die Tapete der Ultras zur „Lilaweissen Osnasch*****“ oder auch die Reaktionen schon im Stadion. Allein das ist für mich ein Beweis dafür, dass sich die Fanszene bei uns versucht selbst zu regulieren, bevor der DFB eingreifen muss, bevor der Verein Maßnahmen GEGEN die Fans ergreifen muss. Und es geht hier nicht um eine Verbalvernichtung der Ostvereine per se.

Ich zum Beispiel habe die Fans von Erzgebirge Aue letzte Saison nach dem Ligaspiel in Hamburg sowohl im Stadion als auch später in der Stadt als friedlich erlebt. Ich kann mich nicht erinnern (von der Süd aus), Ausfälle aus der Gästekurve gesehen oder gehört zu haben, die über das normale Maß hinausgehen. Sollte es Zwischenfälle gegeben haben, habe ich davon nichts mitbekommen. Und sowohl vor als auch dem Spiel erinnere ich mich -trotzdem Aue verloren hatte- nur an die Gesänge „Wir sind alles Erzgebirge-Jungs“ und gemeinsam in den Kneipen auf der Reeperbahn sitzende Fans.

Am meisten allerdings irritiert mich die Haltung der Vereinsführung von Rostock. Es spielt in der Tat keine Rolle mehr, wer speziell in dieser Begegnung wann einen Stein geschmissen hat. Die vergiftete Atmosphäre zwischen den Fans, die randalierenden Nazihools im Dunstkreis des Bundesligisten sind nicht mehr nur Ärgernis, sondern Schrecken. Am liebsten wäre mir, das Rückspiel würde ausfallen. „Höhere Gewalt“. Mir tun die leid, die Fans von Hansa Rostock sind und sich mit diesen erkenntnisresistenten Dumpfbacken auseinandersetzen müssen und das wahrscheinlich ebenso erfolgreich wie dereinst Don Quichotte gegen die Windmühlenflügel.

Ich bin bekennender Sozialromantiker mit einer großen Portion Hoffnung und dem beinah unzerstörbaren Glauben an Besserung durch Erkenntnis. Aber wo die keinen Einzug hält, ist auch keine Hoffnung mehr.

Der DFB als oberste Instanz wird auch diesmal keine Zeichen setzen, obwohl Herr Zwanziger das schon vor zwei Jahren nachweislich ankündigte. Es wird wieder so lange heruntergespielt, bis sich die Wogen in der Öffentlichkeit geglättet haben und dann back to business. As usual. Alles beim Alten in Rostock.

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